FUNK NOW!
Tetsuo Kogawa (JP), LIGNA (DE), Julian Priest (NZ) und Michelle Teran (CA)
Eröffnung: 18.August 2010, 19 Uhr
Ausstellung vom 19. August bis 10. Oktober 2010
Öffnungszeiten: Do-So, 13-19 Uhr
Eine Kooperation mit Radio Blau, gefördert durch die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen, dem Kulturamt der Stadt leipzig und unterstützt durch die Filmgalerie Alpha60.
Radiowellen haben schon seit ihrer Entdeckung, vor allem seit Beginn ihrer Anwendung in der Telekommunikation eine unbändige Faszination auf die Menschheit ausgeübt. Durch militärische, politische und kommerzielle Interessen blieb ein technologisch realisierbares, demokratisches Kommunikationsnetzwerk in dem alle Teilnehmer gleichzeitig Sender und Empfänger sind, wie es Bertolt Brecht und Hans Magnus Enzensberger in ihren Radiotheorien beschrieben haben, dennoch Utopie. Die Computerisierung der Medien und Vernetzung des Alltags demokratisiert die Produktionsmittel für potentielle Sender. Die Pluralisierung der Medien durch das Internet, aber auch durch Kabelfernsehen und digitale Funkstandards hat kommerzielle und staatliche Monopole aufgeweicht. Die Ausstellung präsentiert Künstler und Kunstkollektive, die sich die Demokratisierung und Aneignung der Technologien zunutze machen, zur kritischen Erkundung sozialer Gegebenheiten auf der Suche nach neuen kollektiven Assoziationsformen.
TETSUO KOGAWA (JP)
Der kritische Bezug des japanischen Performancekünstlers Tetsuo Kogawa auf das Medium Radio ist tief verwurzelt in den politischen Radioutopien des letzten Jahrhunderts und in den vielfältigen Radiobewegungen oppositioneller Politik, wie der italienischen Autonomia- Bewegung, den Piratenradios und vor allem der Micro-FM-Bewegung. Dabei handelt es sich um selbst gelötete FM-Transmitter, die es beispielsweise erlauben, daheim oder unterwegs einen eigenen Radiosender für die Nachbarschaft zu betreiben. Neben seinen Professuren an japanischen Universitäten (zur Zeit in Tokyo) hat er über 30 Bücher geschrieben und die Freie-Radio-Bewegung nach Japan gebracht.
Kogawa wird in Leipzig einen öffentlichen Workshop „How to build a micro transmitter/Wie baue ich einen Micro-Sender“ (28.08.), eine Lecture-Performance „From free radio to radio art“ (26.08.) und auf Radio Blau eine „Radioparty“ (29.08.) veranstalten. Dabei wird er sein „Radioart Manifest“ (2008) vorstellen: Denn das Internet, in dem UserInnen ihre Inhalte einstellen, hat die Situation des Freien Radios bzw. des Do-It-Yourself-Radios grundlegend geändert. Kogawas aktuelle Überlegungen über zeitgemäße Radiokunst verlagern daher das Interesse von der Orientierung an freier Information zum Medium selbst: Das Radio ohne Message.
LIGNA (DE)
Die Radiogruppe LIGNA hat außergewöhnliche, kollektive und öffentliche Praktiken entwickelt, die den Hörer einladen, die Sendungen aktiv mitzugestalten und zu begleiten. In zahlreichen Städten haben sie unter dem Namen „Radioballett“ bekannt gewordene Aktionen öffentlichen Radiohörens veranstaltet. Sie fordern die Hörer auf, die Passivität des häuslichen Rezipierens zu verlassen, um in einer „kollektiven Zerstreuung“ öffentliche Räume durch Hören und Bewegungen im Raum zu erkunden.
LIGNA wird gemeinsam mit Interessierten in Leipzig das Projekt „Radio Interpellation “ (22.08., 29.08., 04.09. & 26.09.) durchführen: In Anlehnung an eine Sequenz aus Chris Markers Dokumentarfilm „Sans Soleil“ (1982) haben sie zwei, mit einem Radio verbundene 8-Ohm-Lautsprecher an einer Stange befestigt, die mithilfe eines Rucksacks durch die Stadt getragen werden können. LIGNA stellt diese Technik und – mit Dank an Radio Blau! – Sendezeiten zur Verfügung, in der Gruppen Programme produzieren können, mit denen sie in den Stadtraum intervenieren, Diskurse verstärken, die sonst nicht gehört werden, oder mit der spezifischen Akustik der Lautsprecher die Straße akustisch verfremden. In einem Workshop (22.08.) wird LIGNA die Technik vorstellen und ihre Implikationen und mögliche Sendungen diskutieren. An diesem Tag wird die erste Performance auf Radio Blau und im Stadtraum Leipzigs stattfinden, die sich für den innenstädtische Raum und die Stadtplanung Leipzigs interessieren wird. Die Workshops, insgesamt vier an der Zahl (22.08., 29.08., 04.09., 26.09.) sollen dazu dienen, anderen Künstler- und Radiogruppen in Leipzig die Entwicklung eigener Projekte mit diesen Lautsprecher-Radios zu ermöglichen.
JULIAN PRIEST (NZ)
Als Aktivist in der globalen Bewegung für freie, drahtlose Bürgernetze und als Mitbegründer von Open Spectrum, einer Organisation, die die Bürger für die institutionelle Vergabe von Radiofrequenzen sensibilisieren möchte und sich dabei für mehr Gleichgewicht von kommerziellen und öffentlichen Interessen einsetzt, beschäftigt sich Julian Priest seit über zehn Jahren intensiv mit Kommunikationspolitik und der Kommerzialisierung von Kommunikationstechnologien, wie Radio und Internet. Für ihn sind Radiofrequenzen das neue Grenzland in der digitalen Revolution. Da der Zugang zu Radiofrequenzen einer der Schlüssel in der zukünftigen Kommunikationsökologie ist, will er zu Debatten über diese Ressource anregen.
„The Political Spectrum“ ist eine textliche Analyse der Radiofrequenzbelegung in verschiedenen europäischen Ländern. Sie repräsentiert die Häufigkeit, mit der soziale oder politische Gruppen auf Radiofrequenzen vertreten sind, und untersucht zugleich die Mechanismen bei der Frequenzvergabe durch die zuständigen Institutionen. Die Arbeit ist 2006 aus einer Kollaboration des Künstlers mit seinem Publikum entstanden. Priest skizzierte seine Analyse tabellarisch auf einem beschreibbaren Whiteboard. Die Besucher der Ausstellung „waves“ in Riga (LV) hatten die Möglichkeit in die unlizenzierten Frequenzbereiche zu schreiben. Diesen Zugriff regulierte Julian Priest zuerst durch verschiedene Techniken aus der aktuellen institutionellen Frequenzvergabe, z.B. durch Auktionen, bei denen der Bereich an den Höchstbietenden geht oder durch Ideenwettbewerbe. Später verwarf er diesen regulativen Ansatz und die Tafel wurde zu einem unregulierten Raum, der intensiv von der Öffentlichkeit genutzt wurde. Die Besucher verewigten sich auf der gesamten Tafel, respektierten gleichzeitig aber auch die Linien und die bereits vergebenen Frequenzbereiche. Die Reaktion der Öffentlichkeit auf das Whiteboard betont das menschliche Verlangen zu kommunizieren und sich in den öffentlichen Medien zu präsentieren.
MICHELLE TERAN (CA)
Im Datenraum unserer Städte betreiben viele Nutzer von Videokameras, Babyphones mit Bildübertragung – oft ohne eigenes Wissen – Mini-Fernsehsender. Die drahtlose Übertragungstechnik erlaubt es nicht nur dem autorisierten Empfänger, sondern jeder weiteren Person mit einem Empfangsgerät, die im Raum verstreuten Bilder aufzufangen. Innerhalb ihres Performances-Projektes „Life: A Users Manual“ hat die Künstlerin Michelle Teran zwischen 2003 und 2008 solche Funkbilder innerhalb von so genannten „Walks“ in 17 unterschiedlichen Städten aufgefangen und sichtbar gemacht. Die 3-Kanal-Videoinstallation „17 CITIES“ ist ein animierter Zusammenschnitt aus dem dabei entstanden Archiv mit Szenen aus Brüssel, Berlin, Chicago, Seoul, Barcelona, Montreal und weiteren Städten in Europa und Nordamerika. Er begibt sich von Gewerberäumen auf die Straße, nach Hause, ins Bett, zum Fernsehen (das drahtlos in verschiedene Wohnräume verteilt wird kann ebenso abgefangen werden) und zurück ins urbane Nachtleben. Die Parallelen in den Städten lösen sich in einer Metaerzählung über das gegenwärtige Stadtleben aus dem Blickwinkel von Überwachungskameras auf.
Termine:
Mittwoch, 18.08.2010, 19 Uhr
Ausstellungseröffnung „Funk Now!“ im D21 Kunstraum Leipzig und Vortrag von Michelle Teran.
Sonntag, 22.08.2010 — 11 bis 21 Uhr
LIGNA: Radio Interpellation — Workshop im D21 Kunstraum
Sonntag, 22.08.2010 — 17 bis 19 Uhr
LIGNA: Radio Interpellation — Performance auf Radio Blau und im Stadtraum
Mittwoch, 25.08.2010 — 18 Uhr
TETSUO KOGAWA: From free radio to radio art — Sendung auf Radio Blau
Donnerstag, 26.08.2010 — 19 Uhr
TETSUO KOGAWA : From free radio to radio art — Lecture-Performance im D21 Kunstraum
Sonnabend, 28.08.2010 — 15 bis 18 Uhr
TETSUO KOGAWA: How to build a micro transmitter? — Workshop im D21 Kunstraum — maximal 10 TeilnehmerInnen — Anmeldung unter: office@d21-leipzig.de
Sonntag, 29.08.2010 — 14 bis 16 Uhr
LIGNA: Radio Interpellation — Performance auf Radio Blau und im Stadtraum
weitere Termine: 04. + 26. 09. 2010
Sonntag, 29.08.2010 — 20 bis 22 Uhr
TETSUO KOGAWA: Radioparty — Performance auf Radio Blau
Sonnabend, 04.09.2010 — 14 bis 15 Uhr
LIGNA: Radio Interpellation — Performance auf Radio Blau und im Stadtraum
Sonntag, 26.09.2010 — 15 bis 16 Uhr
LIGNA: Radio Interpellation — Performance auf Radio Blau und im Stadtraum
Die Ausstellung ist Kooperation von D21 Kunstraum und Radio Blau und wird gefördert durch die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen und das Kulturamt der Stadt Leipzig.
Informationen: Die Teilnehmerzahlen für die Workshops von LIGNA (22.8.) und Tetsuo Kogawa (28.8.) sind limitiert. Anmeldungen unter office@d21-leipzig.de sind erwünscht und sichern die Teilnahme.
Radio BLAU täglich auf UKW; 99,2 MHz, 94,4 MHz & 89,2 MHz sowie 97,9 MHz (Kabel) und als Live-Stream unter www.radioblau.de
Die Ausstellung wird gefördert durch die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen und das Kulturamt der Stadt Leipzig.
FUNK NOW!
with Tetsuo Kogawa (JP), LIGNA (D), Julian Priest (NZ), Michelle Teran (CA)
August 19 thru October 8, 2010
opening reception: wednesday, August 18, 7pm
The exhibition is a cooperation of D21 Kunstraum Leipzig and Radio Blau
Since the discovery of radio waves, we have had an intense fascination with its uses—even more so since we began applying it in the field of telecommunications. Through military, political and commercial applications and because a democratic communications network became technologically realizable, in which all the participants are both the transmitter and receiver, a utopia was created as described by Bertold Brecht and Hans Magnus Enzensberger in their theory of radio. Furthermore, computerization of the media and networking of everyday life has democratized the production means for the potential broadcaster. The pluralizing of the media through the internet as well as through cable TV and digital radio standards has resulted in the softening of the commercial and state monopoly. This exhibition presents artists and art collectives that exploit the democratization and appropriation of technology for the critical exploration of social conditions, in the search for new collective forms of association.
Tetsuo Kogawa (JP)
The critical relationship of the Japanese performance artist Tetsuo Kogawa with the medium of radio is deeply rooted in the political radio utopia of the last century and in the manifold radio movements of oppositional politics, like with the Italian Autonomia movement, pirate radio and most importantly the micro FM movement. This movement is concerned with self-soldered FM transmitters that allow, for example, their own radio station to be broadcast to the neighborhood from home or en route. Besides working as a professor at Japanese Universities (currently in Tokyo), he has written over 30 books and has brought the Free Radio Movement to Japan.
Kogawa will give a public workshop in Leipzig on How to Build a Micro Transmitter, (28.08) a lecture/performance, From free radio to radio art, (26.08) and organize a ‘Radioparty’ on Radio Blau (29.08). At the same time he will present his Radio Manifest (2008): Because the user can add or remove content at will on the internet, the situation of free radios and/or do-it-yourself radios has changed dramatically. Kogawa’s current thoughts about contemporary radio art are shifting from an interest in the orientation of free information to the medium itself: The radio without message.
LIGNA (DE)
The radio group LIGNA has developed unusual, collective and public practices that invite the listener to actively design their own broadcast. They have organized radio performances known as ‘radio ballets’ in numerous cities. They request the listener to leave the passivity of domestic reception in order explore a ‘collective dispersal’ of the public spaces via listening and movements in space.
LIGNA, together with those who are interested, will present the ‘Radio Interpellation’ project in Leipzig: In the style of a sequence from Chris Marker’s documentary film San Soleil (1982), two 8 Ohm loudspeakers connected to radios and fastened onto poles will be carried, with the aid of a rucksack, through the city.
LIGNA provides this technology and – with thanks to Radio Blau! – broadcast times in which groups can produce programs in order to intervene in urban spaces, strengthen discourses that otherwise wouldn’t be heard or, with the specific sound of the loudspeaker, render the streets strange and unknown.
In a workshop (22.08) LIGNA will introduce their technology and discuss its implications as well as potential radio shows. On the same day the first performance, which deals with the space of the city centre and urban planning, will take place on Radio Blau and in and around Leipzig. During the time of the exhibition, the workshops, four in total (22.08, 29.08, 04. 09, 26.09), should serve as a way for other artists and radio groups in Leipzig to develop their own projects with these loudspeaker –radios.
Julian Priest (NZ)
As an activist in the global movement for free wireless-networks and as co-founder of Open Spectrum, an organisation that aims to create a balance between commercial and public interest through heightening awareness of the institutional allocation of radio frequencies, Julian Priest has, for over ten years, concerned himself with communication technology such as radio and internet. For him radio frequencies are the new frontier of the digital revolution. Considering radio frequencies to be central to future communication-ecology, he wants to encourage debate about this resource.
‘The Political Spectrum’ is a textual analysis of the allocation of radio frequencies in different European countries. It indicates how often social or political groups are represented and at the same time explores the mechanisms of frequency allocation through the institutions responsible for frequency output.
The work arose in 2006 from a collaboration between artists and the public. Priest sketched his analysis in tabular form on a whiteboard. The visitors to the ‘Waves’ exhibition in Riga (LV) were given the opportunity to write in an unlicensed frequency area. Julian Priest regulated this access to frequencies under the same conditions as the allocation institutions, for example through auctions, where the highest bidder gets the frequency or through competitions of ideas. He later rejected this regulative approach by re-conceptualizing the board as a space without regulations that could be intensively used by the public. The visitors inscribe themselves on the board while at the same time respecting and not interfering with the lines and the occupied frequency areas. The reactions of the public to the whiteboard are intended to emphasis the human longing for communication and the need for individuals to represent themselves openly in the media.
Michelle Teran (CA)
In the data rooms of our cities a multiplicity of people using video cameras or baby-phones with live picture transmissions – often without knowing – run their own personal TV stations. The free transmission technology not only allows the authorised receiver, but also everyone else in the room with a receiving device, to intercept scattered pictures. In her performance-project ‘Life – A Users Manual’, carried out between 2003 and 2008, the artist Michelle Teran captured these radio pictures and made them visible in so called ‘walks’ in 17 different cities. The 3 channel video installation ’17 Cities’ is an animation cut together from an archive of scenes from Brussels, Berlin, Chicago, Seoul, Barcelona, Montreal and other cities in Europe and North America. It moves from business spaces, to lying in bed, to watching TV (through wireless connections it can be distributed between different rooms) and back in the urban nightlife. The parallels between cities dissolve themselves in a meta-narrative about contemporary life in cities from the perspective of CCTV.
D21 Kunstraum Leipzig