„Tears of Things“
Die Ausstellung zeigt Arbeiten der ukrainischen Künstlerin Anna Perepechai, die seit 2014 zwischen Deutschland und der Ukraine lebt und arbeitet. In ihnen setzt sich die Künstlerin subjektiv wie dokumentarisch mit kolonialer und imperialer Gewalt auf Gesellschaften, Familien, Körper, Landschaften und Alltagsobjekte auseinander. Perepechais künstlerische Praxis verbindet Fotografie mit eigenen Texten, Archivmaterialien und installativen Objekten.
In dem in der Ausstellung gezeigten Werkkomplex „Tears of Things“ geht die Künstlerin von ihrer eigenen Familiengeschichte aus. Sie begleitet das Leben ihrer Familie im Krieg mithilfe von Fotografien, die Erinnerungen nachspüren, Videos, die Drohnenüberflüge festhalten oder Archivalien aus dem Familienarchiv, die Erlebnisse und Personen evozieren. Portraits ihrer Familienmitglieder zeigen ein transformiertes Leben zwischen Hoffnung und Angst. Sie thematisieren das Verhältnis von Vergangenheit und Gegenwart und wie sich Politik und Gesellschaft in das Leben von Individuen einschreiben.
In diesem Werkkomplex setzt sie sich konkret mit Fragen nach dem Leben auseinander. Was zählt? Was bleibt? Was wird vergessen?
Fotografien entfalten ein Geflecht aus Ausschnitten und Momenten – Beobachtungen aus Gegenwart und Vergangenheit, die sich gegenseitig durchdringen. Die assoziative Anordnung der Arbeit „Seems like home“ lässt die Zeitebenen „vor dem Krieg“, „nach dem Krieg“ verschwimmen. Die als irrational empfundene Zeitmessung in einem Ausnahmezustand wie Krieg kontrastiert sich mit der Schönheit alltäglicher Lebensabläufe und erzählt anhand von Fotografien und Stücken aus dem Familienarchiv eine Geschichte von Sehnsucht nach dem Vergangenen und nach Zugehörigkeit, vom Verlust der Heimat, sowie der Suche nach Erinnerungen.
Von dieser sehr intimen, nahen Sicht auf ihre Wurzeln, treten die Arbeiten der Serie „Buried“ und „Open Fractures“ einen Schritt zurück und verarbeiten Erlebtes auf einer abstrakteren Ebene. So zeigen in der Arbeit „Open Fractures“ UV-Drucke auf Stahlplatten die Strukturen einer zerstörten Brücke in der Nähe von Anna Perepechais Heimatort Borzna, die zum Schutz der Stadt und deren Einwohner:innen 2022 gesprengt wurde. Ein ausliegendes Buch mit Schwarz-Weiß-Fotografien von der Stadt vermittelt einen observierenden, analytischen Blick auf wichtige Gebäude, Plätze oder Ecken, an denen für die Künstlerin wichtige Momente erlebbar wurden.
In der Arbeit „Buried“ thematisiert Anna Perepechai die Erde, die Erdformationen, das Land, das Heimat der Künstlerin ist. Die Form der Linien und Flächen der Schwarz-Weiß-Prints lassen die Gewalt erahnen, die dem Land im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine angetan wird.
Dennoch versteht die Künstlerin diese Ausstellung auch als Zeichen der Hoffnung: Mit der Arbeit „If you want to survive, never kneel down“ erinnert sie in ihren dokumentarischen Fotografien an den Mut, die Kraft und den Widerstand der Ukrainer:innen auf dem Maidan in Kyjiw während der Revolution der Würde (2013–2014).
Die Ausstellung der Künstlerin Anna Perechai öffnet den Blick auf eine persönliche Auseinandersetzung mit dem russischen Krieg gegen die Ukraine, seinen Eruptionen und Verwerfungen in Bezug auf die eigene Familie, auf Heimat und Zuhause, Fremdheit und Distanz, und erweitert den Blick auf die Transformationen, die entstehen, wenn Gewalt, Verlust und Distanz auf Vertrautes, Zugehöriges und Intimes treffen.
Der D21 Kunstraum geht mit dem f/stop – Fotomonat in die zweite Runde und widmet sich der „Jungen lokalen Fotoszene“. Eingeladen waren 2026 Absolvent:innen von Kunsthochschulen aus dem Raum Mitteldeutschland, fotografische Arbeiten, die als Abschlussarbeiten entstanden sind im Kontext des aktuellen Jahresthema „ALIEN“ zu präsentieren.
© Anna Perepechai – Maidan Protesters at Hrushevskoho Str., Revolution of Dignity, from the book “If You Want to Survive, Never Kneel Down”
2014
