Zwar empfängt ein antikes Familienporträt gegenüber der Eingangstür die Besuchenden, im Rest des Raums verraten abstraktere Werke aber vorerst wenig Privates und lassen Platz für Imagination. In „Tears of Things“ lässt die Künstlerin Anna Perepechai fotografische Experimente vage Geschichten über Gewalt und Vergessen erzählen. Der Raum riecht nach Erde, in unregelmäßigen Abständen unterbricht das Geräusch einer Drohne die Stille. Erst im hinteren Teil der Ausstellung sind gesammelte Objekte und Fotografien zu sehen, die Einblicke in ihr intimeres Verhältnis zur Thematik geben. Im Folgenden teilt die Künstlerin Gedanken zu ihrem Arbeitsprozess, wie sich diese Spannung aus Nähe und Entfremdung verhält und wie sich die Ausstellung ins Jahresthema ALIEN des D21 einfügt.
Du experimentierst mit unterschiedlichsten fotografischen Techniken. Welche Möglichkeiten hast du dadurch, die dir reine digitale Fotografie nicht bieten könnten? Wie äußert sich dies in Bezug auf die Wirkungsdynamik der Ausstellung?
Mein erster Zugang zur Fotografie war tatsächlich nicht digital – in meiner Familie wurde bis in die Mitte der Zweitausender hinein analog fotografiert. Vielleicht fühlt es sich deshalb für mich näher an, besonders wenn ich mit meiner Familie arbeite, kameralose oder analoge Techniken zu verwenden. Es geht um den Ausdruck, aber auch um das Gefühl, mit dem man aufgewachsen ist, um den langsameren Prozess des Entwickelns und um die Auseinandersetzung mit dem Träger der Erinnerung, der zumindest in Form eines Fotos materiell wird.
Eine der zentralen Themen meiner Arbeit ist die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit – der eigenen, aber auch der kollektiven. Vergangenheit ist in diesem Fall nicht nur Geschichte, Erinnerungen oder Archive, sondern auch etwas Physisches, das man noch berühren kann. Meine Erinnerungen an die Ukraine sind sehr haptisch und an Materialien gebunden – deshalb fühlt es sich für mich manchmal natürlicher an, kameralos oder analog zu arbeiten.
Mich interessiert, wie sich Zeit und Erfahrung in Bilder einschreiben können. Wie sich Erwartungen an das Bild lösen können und welche Rolle dabei der Zufall spielt. Dabei lasse ich Kontrolle bewusst los und hinterlasse auch meine eigenen Spuren. Diese Unvorhersehbarkeit erzählt für mich etwas über Erinnerung – sie ist nie vollständig. Sie verändert sich, wird beschädigt, verschwindet teilweise oder ganz, schläft manchmal tief ein und wacht dann langsam oder abrupt wieder auf.
Bis zu einem bestimmten Zeitpunkt habe ich meine experimentellen und dokumentarischen Arbeiten stark getrennt. 2022 verschob und verband vieles zugleich – nicht nur geopolitisch, sondern auch in meiner künstlerischen Praxis. Ich begann stärker zu kombinieren, unterschiedliche Techniken zusammenzubringen und auch Work-in-Progress oder Auszüge zu zeigen.
In Tears of Things kommen diese verschiedenen Verfahren zusammen. Durch ihre Kombination – fest oder auch veränderbar – versuche ich, die Komplexität von Erfahrungen sichtbar zu machen, in einer Zeit, in der sehr viel gleichzeitig geschieht.
Deine Werkzeuge sind neben Fotografie auch ausdrücklich Nicht-Fotografie. Du sprichst davon, dass deine Sammlungen automatisch entstehen, gilt das auch für die fotografischen Arbeiten? Kommen deine Motive zu dir oder suchst du nach ihnen?
Ein Teil meiner Arbeit entsteht aus einer Art Sammlung. Viele Fragmente finde ich nicht aktiv – sie begegnen mir und gehen nicht spurlos an mir vorüber. Meine Arbeit besteht darin, sie zu ordnen und ihnen eine Form zu geben. Manchmal ist es Fotografie, manchmal Nicht-Fotografie. Manchmal gar keine Fotografie. Nicht alles ist ein Gegenstand, der sich fotografieren lässt oder fotografiert werden sollte. Nicht weil man es technisch oder physisch nicht könnte – sondern weil es vielleicht nicht mehr existiert oder nicht mehr atmet.
Während eines Vernichtungskrieges wird es besonders wichtig, aufzubewahren, was noch nicht verloren gegangen ist – nicht nur, um vollständige Auslöschung zu verhindern, sondern auch, um dekoloniale Prozesse zu ermöglichen, sowohl innerhalb der Ukraine als auch im Ausland. Fotografie spielt hier eine wichtige Rolle. Neben der unglaublichen Arbeit ukrainischer Fotojournalist:innen findet auch künstlerische Fotografie ihren Ausdruck – sie übersetzt die Komplexität dieser Erfahrungen auf eine andere Weise. Wenn du aus der Position der Zeugenschaft arbeitest, beginnst du „automatisch“ zu sammeln. Ganz automatisch ist dieser Prozess jedoch nicht – du bist immer noch ein lebender Mensch, der bewusst entscheidet, etwas festzuhalten, egal mit welcher Technik – manchmal reicht eine kurze Notiz völlig aus. Manche Motive begegnen mir auf diesem Weg, andere suche ich bewusst – beides gehört zu meiner Arbeitsweise.
Ich glaube, dass sich die Herangehensweise tatsächlich von Projekt zu Projekt unterscheidet und sich zwischen konzeptuell-dokumentarischen und experimentellen Ansätzen bewegt.
Hat sich dieser Prozess verändert? Lässt sich diese Veränderung und deine grundsätzliche Arbeitsweise in zeitliche Abschnitte unterteilen?
Der Prozess verändert sich immer wieder. Ein Thema kann sich über viele Jahre durch die eigene künstlerische Praxis ziehen, und irgendwann wird eine Veränderung des Prozesses sogar notwendig – um es aus anderen, aktualisierten Blickwinkeln zu betrachten.
In einer meiner ersten fotografischen Serien, „Nostalgie“ (2017), beschäftigte ich mich mit osteuropäischen Geschäften in Thüringen. Mich interessierte damals besonders die Gleichsetzung von „osteuropäisch“ mit „russisch“. Solche Läden wurden in Deutschland umgangssprachlich meist einfach „russisch“ genannt – ein klares Zeichen dafür, wie präsent russische imperiale Narrative in Deutschland sind. Andere, ehemals sowjetisierte und lange unterdrückte Kulturen, wurden dabei kaum mitgedacht oder einbezogen.
Mich beschäftigte außerdem, warum viele Menschen mit Migrationshintergrund aus ehemals sowjetisierten Ländern, die hier in Deutschland leben oder sogar aufgewachsen sind, solche nostalgischen gastronomischen Orte aufbauen oder besuchen – ihre eigene Sprache jedoch oft nicht sprechen, Russisch hingegen schon. Warum bleiben bestimmte Produkte und kulturelle Bilder so stark präsent, obwohl diese Menschen hier leben? Warum bleiben sie selbst an diese imperialen Narrative gebunden? Wieso stehen dort neben einzeln verpackten Süßigkeiten und Produkten aus verschiedenen osteuropäischen Ländern so viel Alkohol und politisch fragwürdige Gegenstände – ukrainische Flaggen neben russischen, Matroschkas, Trinkgefäße, Sowjetsymbolik und natürlich auch Putin-Accessoires?
Da sich mein Kunststudium mit meinen Leben in der Migration überschnitten hat, wurde Kunst für mich auch ein Raum, in dem ich Migration durchleben und reflektieren konnte. Deshalb ziehen sich dekoloniale und migrationsbezogene Fragen durch viele meiner Projekte. Thematisch fließen viele ineinander und bleiben miteinander verbunden. Technisch lassen sich jedoch einige Phasen erkennen: Kameralos begann ich während meines Auslandssemesters in Montreal 2019–2020 aktiv zu arbeiten. Nach Beginn der russischen Großinvasion 2022 wurden meine Arbeiten politischer und technikübergreifender – gleichzeitig aber auch fragiler und persönlicher.
Das Thema, unter dem die Ausstellung läuft, lautet „ALIEN“. Hat sich analog dazu auch die Bedeutung des Wortes „fremd“ für dich gewandelt?
Während meiner Migration, die ich lange nicht als Migration wahrgenommen habe – weil ich immer dachte, ich würde bald zurückkehren – begann ich, mich sowohl praktisch als auch theoretisch mit der Frage nach Heimat auseinanderzusetzen. Im Kontrast zur deutschen Gesellschaft wurde es möglich, Bekanntes und Unbekanntes klarer zu erkennen, aber auch mich selbst neu zu definieren, nach Begriffen zu suchen und Sprache neu zu beherrschen. „Alien“ existiert für mich heute neben dem Heimischen – so wie auch Power und Fragilität nebeneinander existieren.
Uns als Menschen prägt Herkunft – aber sie definiert uns nicht vollständig. Fremdheit und Zugehörigkeit bewegen sich weit über Grenzen und Sprachen hinaus. Für uns Menschen ist es existenziell, sich zugehörig zu fühlen – deshalb tun wir uns zusammen, bauen Communities auf und tauschen uns aus. Zugehörigkeit kann entstehen, aber manchmal muss man auch aktiv dazu beitragen.
Eine andere Form von Fremdheit entsteht jedoch, wenn vertraute Orte durch Gewalt fremd werden – wie im russischen Krieg gegen die Ukraine. Häuser, Gärten oder Straßen, die man sein ganzes Leben kennt, können plötzlich Orte der Gefahr oder sogar der Auslöschung werden. Diese Verschiebung ist existenziell.
Du schreibst von „Entfremdung zu deinem eigenen Land und dass „Vertrautes unter Druck fremd wird“. Kannst du erläutern, in welchen Momenten das passiert und wie es sich anfühlt?
Ich lebe seit zwölf Jahren in Deutschland – mein Leben hier entwickelt sich Jahr für Jahr weiter, während meine Familie und Freund:innen weiterhin in der Ukraine leben. Meine Erfahrungen als Ausländerin, das Deutschlernen, das Studium und mein Leben hier, das sich an neuen, zunächst fremden Orten entwickelt hat – aber auch die Zeit und die physische Distanz zwischen uns – hinterlassen Spuren: in unseren Beziehungen, in unserer Dynamik und in unserer Kommunikation.
Migration bringt Verlusterfahrungen mit sich: soziale Netzwerke verändern sich, vertraute Normen, Sprache und Identität werden teilweise infrage gestellt. Entfremdung ist ein zentraler psychologischer Aspekt von Migration – Nähe und Ferne geraten durcheinander. Irgendwann läufst du durch eine Straße, sei es in Kyjiw oder Leipzig – und fragst dich plötzlich: Was mache ich hier, und braucht mich hier überhaupt noch jemand?
Unter dem Druck des Krieges verstärkt sich dieses Gefühl noch einmal, egal wo man physisch ist. Man trägt Schuldgefühle mit sich und versucht, sich zwischen sehr unterschiedlichen Realitäten über den Schmerz hinweg auszudehnen.
Und manchmal kehrt man zurück, um vielleicht Halt im Vertrauten zu suchen – und merkt, dass es nicht mehr existiert. Eine Leere schaut dich an. Und du erkennst dich selbst darin.
Du beschäftigst dich mit dem Einschreiben des Kriegs in familiäre Räume, gibt es Grenzen, die dir zu privat sind? Bis wohin lässt du Menschen teilhaben?
Viele meiner Arbeiten basieren auf persönlichen Materialien – Familienfotos, Videos, Notizen oder Erinnerungen. Deshalb überlege ich sehr genau, was ich öffentlich zeige. Meine Werke sollen nicht in Oversharing kippen, retraumatisieren oder zu sentimental wirken. Einige Dinge sind zu privat, um sie zu teilen – deshalb arbeite ich oft mit Auszügen. Das Ganze zu zeigen wäre in manchen Fällen noch zu intim.
Mir fällt es sehr schwer, über Verlust und Tod zu sprechen, Namen zu nennen, bestimmte Porträts oder bestimmte Gedanken zu veröffentlichen. Deshalb bewegt sich meine Arbeit manchmal in experimentelleren, namenlosen, poetischen Formen – verwickelt und von Schatten überzogen. Sie bewegt sich zwischen persönlicher Verarbeitung und der Verantwortung, Zeugnis abzulegen, und versucht gleichzeitig Care und Respekt gegenüber den Menschen zu bewahren, die darin vorkommen oder erwähnt werden.
Es ermutigt mich sehr, mit meiner Familie zusammenzuarbeiten und mit ihrer Unterstützung gemeinsam Werke zu schaffen. Unser Familienporträt im Keller, “Under the Russian Missiles” (2023), war für uns alle keine leichte Erfahrung beim Fotografieren. Als ich diese Arbeit 2023 in Berlin ausstellte, lief ein deutsches Paar mit Sekt und Brezeln vorbei und sagte: „Ah, wieder Geflüchtete!“ An diesem Tag wurde meine Heimatregion stark von Russland angegriffen. Meine Familie befand sich genau zu diesem Zeitpunkt in diesem Keller.
Diese Diskrepanz ist schmerzhaft. Sie könnte eine Grenze sein. Aber ich habe mich gemeinsam mit meiner Familie entschieden, sie zu überschreiten.
Zu welchem Teil sollen deine Arbeiten Zustände für das Außen sichtbar machen, zu welchem Teil stellen sie eine Möglichkeit dar, Gedanken für dich selbst zu fixieren und zu verarbeiten?
Ein Teil meiner Arbeiten entsteht aus einem sehr persönlichen Bedürfnis heraus – Dinge zu verstehen oder festzuhalten. Manchmal zur Erinnerung, manchmal aus einem Impuls, manchmal einfach aus dem Gefühl, dass etwas nicht verloren gehen darf.
Wenn ich merke, dass eine Erfahrung über mich hinausweist und eine kollektive Dimension hat, entwickle ich sie weiter und teile sie mit anderen – vielleicht aber in einer anderen Form, die mehrere Ebenen hat und in der das ganz Intime auf der untersten Schicht bleibt. Andere Dinge bleiben zunächst in der Sammlung – sie brauchen Zeit. Nicht alles muss sofort veröffentlich werden.
Es geht um die persönlicher Verarbeitung und dem Versuch, bestimmte Zustände sichtbar zu machen. Kunst kann ein Raum sein, in dem Erfahrungen festgehalten werden – nicht nur für mich selbst, sondern auch für andere, die vielleicht ähnliche Fragen oder Gefühle teilen.
Du sprichst davon, dass es den Moment gibt, in dem das „Ich“ zu einem kollektiven „Wir“ wird. Wer ist dieses Wir, wer darf es sein und werden?
Den Begriff „Wir“ versuche ich vorsichtig zu behandeln. Dennoch gibt es für mich einige Formen von „Wir“, die aus gemeinsamen Haltungen und Erfahrungen entstehen. Durch Widerstand, aber auch durch Solidarität und Zusammenarbeit verbinden sich individuelle Erfahrungen stärker mit kollektiven.
Dieses „Wir“ kann Familie sein, Freundeskreise oder eine Community – aber auch Menschen, die sich in bestimmten politischen Momenten miteinander verbunden fühlen oder ähnliche Geschichten und Positionen konsequent teilen.
Im Kontext des russischen Krieges gegen die Ukraine existieren viele unterschiedliche Formen dieses „Wir“. Was sie verbindet, ist der Widerstand gegen imperiale Gewalt. Dieses „Wir“ entsteht nicht von sich selbst und ist nicht selbstverständlich. Es wächst – durch Verantwortung und durch die Entscheidung, nicht neutral zu bleiben.
Die Ausstellung wurde bereits an verschiedensten Orten gezeigt. Oft ergeben sich ja erst im Nachhinein oder durch den Austausch mit Besuchenden Dinge, die man verändern möchte. Wie hat sich die Ausstellung gewandelt und gibt es immer noch Kleinigkeiten, die du nächstes Mal verändern wirst?
Die Ausstellung verändert sich tatsächlich mit jedem Ort. Einige Arbeiten bewegen sich oder kommen neu hinzu, andere ruhen sich eine Zeit lang aus. Ich sehe das als einen sozusagen ‚natürlichen’ Prozess, der mir hilft, offen zu bleiben und mich nicht zu sehr vom ursprünglichen Konzept einschränken zu lassen.
Diese Veränderungen passieren nicht einfach aus dem Wunsch heraus, etwas anders zu machen – sie sind oft notwendig. Es geht nicht darum, etwas zu perfektionieren oder es beim nächsten Mal „besser“ zu machen. Jede Ausstellung sehe ich eher wie eine Art Einladung zu mir nach Hause. Die Begegnungen mit Besuchenden spielen dabei eine wichtige Rolle, da sie dieses „Zu Hause“ besuchen. Gespräche oder unerwartete Reaktionen können eine Arbeit noch einmal aus einer anderen Perspektive sichtbar machen.
Zwischen stabilen Formen und bereits verarbeiteten Inhalten bleibt vieles weiterhin in Bewegung und reagiert auf unterschiedliche Realitäten. Es ist sehr persönlich, manchmal schmerzhaft, manchmal poetisch oder auch selbstironisch. Deshalb ist es mir wichtig, für die Arbeiten eine verständliche und zum jeweiligen Ort passende Raumgestaltung zu finden. Einige Ideen wurden bereits realisiert, andere warten noch auf ihre Räume.
Für mich ist Tears of Things kein abgeschlossenes Projekt. Es ist weiterhin ein Prozess, der wächst und sich verändert – genauso wie die Realität, aus der er entstanden ist.
Interview: Pia Brand
Bilder: © Yelyzaveta Protopopova

