16. März 2026

„Aus dem Gefühl, dass etwas nicht verloren gehen darf“ — Anna Perepechai im Gespräch

Ausstellung: f/stop – Fotomonat: Anna Perepechai

Zwar emp­fängt ein anti­kes Familienporträt gegen­über der Eingangstür die Besuchenden, im Rest des Raums ver­ra­ten abs­trak­te­re Werke aber vor­erst wenig Privates und las­sen Platz für Imagination. In „Tears of Things“ lässt die Künstlerin Anna Perepechai foto­gra­fi­sche Experimente vage Geschichten über Gewalt und Vergessen erzäh­len. Der Raum riecht nach Erde, in unre­gel­mä­ßi­gen Abständen unter­bricht das Geräusch einer Drohne die Stille.  Erst im hin­te­ren Teil der Ausstellung sind gesam­mel­te Objekte und Fotografien zu sehen, die Einblicke in ihr inti­me­res Verhältnis zur Thematik geben. Im Folgenden teilt die Künstlerin Gedanken zu ihrem Arbeitsprozess, wie sich die­se Spannung aus Nähe und Entfremdung ver­hält und wie sich die Ausstellung ins Jahresthema ALIEN des D21 einfügt.

Du expe­ri­men­tierst mit unter­schied­lichs­ten foto­gra­fi­schen Techniken. Welche Möglichkeiten hast du dadurch, die dir rei­ne digi­ta­le Fotografie nicht bie­ten könn­ten? Wie äußert sich dies in Bezug auf die Wirkungsdynamik der Ausstellung?

Mein ers­ter Zugang zur Fotografie war tat­säch­lich nicht digi­tal – in mei­ner Familie wur­de bis in die Mitte der Zweitausender hin­ein ana­log foto­gra­fiert. Vielleicht fühlt es sich des­halb für mich näher an, beson­ders wenn ich mit mei­ner Familie arbei­te, kame­ra­l­o­se oder ana­lo­ge Techniken zu ver­wen­den. Es geht um den Ausdruck, aber auch um das Gefühl, mit dem man auf­ge­wach­sen ist, um den lang­sa­me­ren Prozess des Entwickelns und um die Auseinandersetzung mit dem Träger der Erinnerung, der zumin­dest in Form eines Fotos mate­ri­ell wird.

Eine der zen­tra­len Themen mei­ner Arbeit ist die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit – der eige­nen, aber auch der kol­lek­ti­ven. Vergangenheit ist in die­sem Fall nicht nur Geschichte, Erinnerungen oder Archive, son­dern auch etwas Physisches, das man noch berüh­ren kann. Meine Erinnerungen an die Ukraine sind sehr hap­tisch und an Materialien gebun­den – des­halb fühlt es sich für mich manch­mal natür­li­cher an, kame­ral­os oder ana­log zu arbeiten.

Mich inter­es­siert, wie sich Zeit und Erfahrung in Bilder ein­schrei­ben kön­nen. Wie sich Erwartungen an das Bild lösen kön­nen und wel­che Rolle dabei der Zufall spielt. Dabei las­se ich Kontrolle bewusst los und hin­ter­las­se auch mei­ne eige­nen Spuren. Diese Unvorhersehbarkeit erzählt für mich etwas über Erinnerung – sie ist nie voll­stän­dig. Sie ver­än­dert sich, wird beschä­digt, ver­schwin­det teil­wei­se oder ganz, schläft manch­mal tief ein und wacht dann lang­sam oder abrupt wie­der auf.

Bis zu einem bestimm­ten Zeitpunkt habe ich mei­ne expe­ri­men­tel­len und doku­men­ta­ri­schen Arbeiten stark getrennt. 2022 ver­schob und ver­band vie­les zugleich – nicht nur geo­po­li­tisch, son­dern auch in mei­ner künst­le­ri­schen Praxis. Ich begann stär­ker zu kom­bi­nie­ren, unter­schied­li­che Techniken zusam­men­zu­brin­gen und auch Work-in-Progress oder Auszüge zu zeigen.

In Tears of Things kom­men die­se ver­schie­de­nen Verfahren zusam­men. Durch ihre Kombination – fest oder auch ver­än­der­bar – ver­su­che ich, die Komplexität von Erfahrungen sicht­bar zu machen, in einer Zeit, in der sehr viel gleich­zei­tig geschieht.

Deine Werkzeuge sind neben Fotografie auch aus­drück­lich Nicht-Fotografie. Du sprichst davon, dass dei­ne Sammlungen auto­ma­tisch ent­ste­hen, gilt das auch für die foto­gra­fi­schen Arbeiten? Kommen dei­ne Motive zu dir oder suchst du nach ihnen?

Ein Teil mei­ner Arbeit ent­steht aus einer Art Sammlung. Viele Fragmente fin­de ich nicht aktiv – sie begeg­nen mir und gehen nicht spur­los an mir vor­über. Meine Arbeit besteht dar­in, sie zu ord­nen und ihnen eine Form zu geben. Manchmal ist es Fotografie, manch­mal Nicht-Fotografie. Manchmal gar kei­ne Fotografie. Nicht alles ist ein Gegenstand, der sich foto­gra­fie­ren lässt oder foto­gra­fiert wer­den soll­te. Nicht weil man es tech­nisch oder phy­sisch nicht könn­te – son­dern weil es viel­leicht nicht mehr exis­tiert oder nicht mehr atmet.

Während eines Vernichtungskrieges wird es beson­ders wich­tig, auf­zu­be­wah­ren, was noch nicht ver­lo­ren gegan­gen ist – nicht nur, um voll­stän­di­ge Auslöschung zu ver­hin­dern, son­dern auch, um deko­lo­nia­le Prozesse zu ermög­li­chen, sowohl inner­halb der Ukraine als auch im Ausland. Fotografie spielt hier eine wich­ti­ge Rolle. Neben der unglaub­li­chen Arbeit ukrai­ni­scher Fotojournalist:innen fin­det auch künst­le­ri­sche Fotografie ihren Ausdruck – sie über­setzt die Komplexität die­ser Erfahrungen auf eine ande­re Weise. Wenn du aus der Position der Zeugenschaft arbei­test, beginnst du „auto­ma­tisch“ zu sam­meln. Ganz auto­ma­tisch ist die­ser Prozess jedoch nicht – du bist immer noch ein leben­der Mensch, der bewusst ent­schei­det, etwas fest­zu­hal­ten, egal mit wel­cher Technik – manch­mal reicht eine kur­ze Notiz völ­lig aus. Manche Motive begeg­nen mir auf die­sem Weg, ande­re suche ich bewusst – bei­des gehört zu mei­ner Arbeitsweise.

Ich glau­be, dass sich die Herangehensweise tat­säch­lich von Projekt zu Projekt unter­schei­det und sich zwi­schen kon­zep­tu­ell-doku­men­ta­ri­schen und expe­ri­men­tel­len Ansätzen bewegt.

Hat sich die­ser Prozess ver­än­dert? Lässt sich die­se Veränderung und dei­ne grund­sätz­li­che Arbeitsweise in zeit­li­che Abschnitte unterteilen?

Der Prozess ver­än­dert sich immer wie­der. Ein Thema kann sich über vie­le Jahre durch die eige­ne künst­le­ri­sche Praxis zie­hen, und irgend­wann wird eine Veränderung des Prozesses sogar not­wen­dig – um es aus ande­ren, aktua­li­sier­ten Blickwinkeln zu betrachten.

In einer mei­ner ers­ten foto­gra­fi­schen Serien, „Nostalgie“ (2017), beschäf­tig­te ich mich mit ost­eu­ro­päi­schen Geschäften in Thüringen. Mich inter­es­sier­te damals beson­ders die Gleichsetzung von „ost­eu­ro­pä­isch“ mit „rus­sisch“. Solche Läden wur­den in Deutschland umgangs­sprach­lich meist ein­fach „rus­sisch“ genannt – ein kla­res Zeichen dafür, wie prä­sent rus­si­sche impe­ria­le Narrative in Deutschland sind. Andere, ehe­mals sowje­ti­sier­te und lan­ge unter­drück­te Kulturen, wur­den dabei kaum mit­ge­dacht oder einbezogen.

Mich beschäf­tig­te außer­dem, war­um vie­le Menschen mit Migrationshintergrund aus ehe­mals sowje­ti­sier­ten Ländern, die hier in Deutschland leben oder sogar auf­ge­wach­sen sind, sol­che nost­al­gi­schen gas­tro­no­mi­schen Orte auf­bau­en oder besu­chen – ihre eige­ne Sprache jedoch oft nicht spre­chen, Russisch hin­ge­gen schon. Warum blei­ben bestimm­te Produkte und kul­tu­rel­le Bilder so stark prä­sent, obwohl die­se Menschen hier leben? Warum blei­ben sie selbst an die­se impe­ria­len Narrative gebun­den? Wieso ste­hen dort neben ein­zeln ver­pack­ten Süßigkeiten und Produkten aus ver­schie­de­nen ost­eu­ro­päi­schen Ländern so viel Alkohol und poli­tisch frag­wür­di­ge Gegenstände – ukrai­ni­sche Flaggen neben rus­si­schen, Matroschkas, Trinkgefäße, Sowjetsymbolik und natür­lich auch Putin-Accessoires?

Da sich mein Kunststudium mit mei­nen Leben in der Migration über­schnit­ten hat, wur­de Kunst für mich auch ein Raum, in dem ich Migration durch­le­ben und reflek­tie­ren konn­te. Deshalb zie­hen sich deko­lo­nia­le und migra­ti­ons­be­zo­ge­ne Fragen durch vie­le mei­ner Projekte. Thematisch flie­ßen vie­le inein­an­der und blei­ben mit­ein­an­der ver­bun­den. Technisch las­sen sich jedoch eini­ge Phasen erken­nen: Kameralos begann ich wäh­rend mei­nes Auslandssemesters in Montreal 2019–2020 aktiv zu arbei­ten. Nach Beginn der rus­si­schen Großinvasion 2022 wur­den mei­ne Arbeiten poli­ti­scher und tech­nik­über­grei­fen­der – gleich­zei­tig aber auch fra­gi­ler und persönlicher.

Das Thema, unter dem die Ausstellung läuft, lau­tet „ALIEN“. Hat sich ana­log dazu auch die Bedeutung des Wortes „fremd“ für dich gewandelt? 

Während mei­ner Migration, die ich lan­ge nicht als Migration wahr­ge­nom­men habe – weil ich immer dach­te, ich wür­de bald zurück­keh­ren – begann ich, mich sowohl prak­tisch als auch theo­re­tisch mit der Frage nach Heimat aus­ein­an­der­zu­set­zen. Im Kontrast zur deut­schen Gesellschaft wur­de es mög­lich, Bekanntes und Unbekanntes kla­rer zu erken­nen, aber auch mich selbst neu zu defi­nie­ren, nach Begriffen zu suchen und Sprache neu zu beherr­schen. „Alien“ exis­tiert für mich heu­te neben dem Heimischen – so wie auch Power und Fragilität neben­ein­an­der existieren.

Uns als Menschen prägt Herkunft – aber sie defi­niert uns nicht voll­stän­dig. Fremdheit und Zugehörigkeit bewe­gen sich weit über Grenzen und Sprachen hin­aus. Für uns Menschen ist es exis­ten­zi­ell, sich zuge­hö­rig zu füh­len – des­halb tun wir uns zusam­men, bau­en Communities auf und tau­schen uns aus. Zugehörigkeit kann ent­ste­hen, aber manch­mal muss man auch aktiv dazu beitragen.

Eine ande­re Form von Fremdheit ent­steht jedoch, wenn ver­trau­te Orte durch Gewalt fremd wer­den – wie im rus­si­schen Krieg gegen die Ukraine. Häuser, Gärten oder Straßen, die man sein gan­zes Leben kennt, kön­nen plötz­lich Orte der Gefahr oder sogar der Auslöschung wer­den. Diese Verschiebung ist existenziell.

Du schreibst von „Entfremdung zu dei­nem eige­nen Land und dass „Vertrautes unter Druck fremd wird“. Kannst du erläu­tern, in wel­chen Momenten das pas­siert und wie es sich anfühlt?

 Ich lebe seit zwölf Jahren in Deutschland – mein Leben hier ent­wi­ckelt sich Jahr für Jahr wei­ter, wäh­rend mei­ne Familie und Freund:innen wei­ter­hin in der Ukraine leben. Meine Erfahrungen als Ausländerin, das Deutschlernen, das Studium und mein Leben hier, das sich an neu­en, zunächst frem­den Orten ent­wi­ckelt hat – aber auch die Zeit und die phy­si­sche Distanz zwi­schen uns – hin­ter­las­sen Spuren: in unse­ren Beziehungen, in unse­rer Dynamik und in unse­rer Kommunikation.

Migration bringt Verlusterfahrungen mit sich: sozia­le Netzwerke ver­än­dern sich, ver­trau­te Normen, Sprache und Identität wer­den teil­wei­se infra­ge gestellt. Entfremdung ist ein zen­tra­ler psy­cho­lo­gi­scher Aspekt von Migration – Nähe und Ferne gera­ten durch­ein­an­der. Irgendwann läufst du durch eine Straße, sei es in Kyjiw oder Leipzig – und fragst dich plötz­lich: Was mache ich hier, und braucht mich hier über­haupt noch jemand?

Unter dem Druck des Krieges ver­stärkt sich die­ses Gefühl noch ein­mal, egal wo man phy­sisch ist. Man trägt Schuldgefühle mit sich und ver­sucht, sich zwi­schen sehr unter­schied­li­chen Realitäten über den Schmerz hin­weg auszudehnen.

Und manch­mal kehrt man zurück, um viel­leicht Halt im Vertrauten zu suchen – und merkt, dass es nicht mehr exis­tiert. Eine Leere schaut dich an. Und du erkennst dich selbst darin.

Du beschäf­tigst dich mit dem Einschreiben des Kriegs in fami­liä­re Räume, gibt es Grenzen, die dir zu pri­vat sind? Bis wohin lässt du Menschen teilhaben?

Viele mei­ner Arbeiten basie­ren auf per­sön­li­chen Materialien – Familienfotos, Videos, Notizen oder Erinnerungen. Deshalb über­le­ge ich sehr genau, was ich öffent­lich zei­ge. Meine Werke sol­len nicht in Oversharing kip­pen, retrau­ma­ti­sie­ren oder zu sen­ti­men­tal wir­ken. Einige Dinge sind zu pri­vat, um sie zu tei­len – des­halb arbei­te ich oft mit Auszügen. Das Ganze zu zei­gen wäre in man­chen Fällen noch zu intim.

Mir fällt es sehr schwer, über Verlust und Tod zu spre­chen, Namen zu nen­nen, bestimm­te Porträts oder bestimm­te Gedanken zu ver­öf­fent­li­chen. Deshalb bewegt sich mei­ne Arbeit manch­mal in expe­ri­men­tel­le­ren, namen­lo­sen, poe­ti­schen Formen – ver­wi­ckelt und von Schatten über­zo­gen. Sie bewegt sich zwi­schen per­sön­li­cher Verarbeitung und der Verantwortung, Zeugnis abzu­le­gen, und ver­sucht gleich­zei­tig Care und Respekt gegen­über den Menschen zu bewah­ren, die dar­in vor­kom­men oder erwähnt werden.

Es ermu­tigt mich sehr, mit mei­ner Familie zusam­men­zu­ar­bei­ten und mit ihrer Unterstützung gemein­sam Werke zu schaf­fen. Unser Familienporträt im Keller, Under the Russian Missiles” (2023), war für uns alle kei­ne leich­te Erfahrung beim Fotografieren. Als ich die­se Arbeit 2023 in Berlin aus­stell­te, lief ein deut­sches Paar mit Sekt und Brezeln vor­bei und sag­te: „Ah, wie­der Geflüchtete!“ An die­sem Tag wur­de mei­ne Heimatregion stark von Russland ange­grif­fen. Meine Familie befand sich genau zu die­sem Zeitpunkt in die­sem Keller.

Diese Diskrepanz ist schmerz­haft. Sie könn­te eine Grenze sein. Aber ich habe mich gemein­sam mit mei­ner Familie ent­schie­den, sie zu überschreiten.

Zu wel­chem Teil sol­len dei­ne Arbeiten Zustände für das Außen sicht­bar machen, zu wel­chem Teil stel­len sie eine Möglichkeit dar, Gedanken für dich selbst zu fixie­ren und zu verarbeiten?

Ein Teil mei­ner Arbeiten ent­steht aus einem sehr per­sön­li­chen Bedürfnis her­aus – Dinge zu ver­ste­hen oder fest­zu­hal­ten. Manchmal zur Erinnerung, manch­mal aus einem Impuls, manch­mal ein­fach aus dem Gefühl, dass etwas nicht ver­lo­ren gehen darf.

Wenn ich mer­ke, dass eine Erfahrung über mich hin­aus­weist und eine kol­lek­ti­ve Dimension hat, ent­wick­le ich sie wei­ter und tei­le sie mit ande­ren – viel­leicht aber in einer ande­ren Form, die meh­re­re Ebenen hat und in der das ganz Intime auf der unters­ten Schicht bleibt. Andere Dinge blei­ben zunächst in der Sammlung – sie brau­chen Zeit. Nicht alles muss sofort ver­öf­fent­lich werden.

Es geht um die per­sön­li­cher Verarbeitung und dem Versuch, bestimm­te Zustände sicht­bar zu machen. Kunst kann ein Raum sein, in dem Erfahrungen fest­ge­hal­ten wer­den – nicht nur für mich selbst, son­dern auch für ande­re, die viel­leicht ähn­li­che Fragen oder Gefühle teilen.

Du sprichst davon, dass es den Moment gibt, in dem das „Ich“ zu einem kol­lek­ti­ven „Wir“ wird. Wer ist die­ses Wir, wer darf es sein und werden?

Den Begriff „Wir“ ver­su­che ich vor­sich­tig zu behan­deln. Dennoch gibt es für mich eini­ge Formen von „Wir“, die aus gemein­sa­men Haltungen und Erfahrungen ent­ste­hen. Durch Widerstand, aber auch durch Solidarität und Zusammenarbeit ver­bin­den sich indi­vi­du­el­le Erfahrungen stär­ker mit kollektiven.

Dieses „Wir“ kann Familie sein, Freundeskreise oder eine Community – aber auch Menschen, die sich in bestimm­ten poli­ti­schen Momenten mit­ein­an­der ver­bun­den füh­len oder ähn­li­che Geschichten und Positionen kon­se­quent teilen.

Im Kontext des rus­si­schen Krieges gegen die Ukraine exis­tie­ren vie­le unter­schied­li­che Formen die­ses „Wir“. Was sie ver­bin­det, ist der Widerstand gegen impe­ria­le Gewalt. Dieses „Wir“ ent­steht nicht von sich selbst und ist nicht selbst­ver­ständ­lich. Es wächst – durch Verantwortung und durch die Entscheidung, nicht neu­tral zu bleiben.

Die Ausstellung wur­de bereits an ver­schie­dens­ten Orten gezeigt. Oft erge­ben sich ja erst im Nachhinein oder durch den Austausch mit Besuchenden Dinge, die man ver­än­dern möch­te. Wie hat sich die Ausstellung gewan­delt und gibt es immer noch Kleinigkeiten, die du nächs­tes Mal ver­än­dern wirst?

Die Ausstellung ver­än­dert sich tat­säch­lich mit jedem Ort. Einige Arbeiten bewe­gen sich oder kom­men neu hin­zu, ande­re ruhen sich eine Zeit lang aus. Ich sehe das als einen sozu­sa­gen ‚natür­li­chen’ Prozess, der mir hilft, offen zu blei­ben und mich nicht zu sehr vom ursprüng­li­chen Konzept ein­schrän­ken zu lassen.

Diese Veränderungen pas­sie­ren nicht ein­fach aus dem Wunsch her­aus, etwas anders zu machen – sie sind oft not­wen­dig. Es geht nicht dar­um, etwas zu per­fek­tio­nie­ren oder es beim nächs­ten Mal „bes­ser“ zu machen. Jede Ausstellung sehe ich eher wie eine Art Einladung zu mir nach Hause. Die Begegnungen mit Besuchenden spie­len dabei eine wich­ti­ge Rolle, da sie die­ses „Zu Hause“ besu­chen. Gespräche oder uner­war­te­te Reaktionen kön­nen eine Arbeit noch ein­mal aus einer ande­ren Perspektive sicht­bar machen.

Zwischen sta­bi­len Formen und bereits ver­ar­bei­te­ten Inhalten bleibt vie­les wei­ter­hin in Bewegung und reagiert auf unter­schied­li­che Realitäten. Es ist sehr per­sön­lich, manch­mal schmerz­haft, manch­mal poe­tisch oder auch selbst­iro­nisch. Deshalb ist es mir wich­tig, für die Arbeiten eine ver­ständ­li­che und zum jewei­li­gen Ort pas­sen­de Raumgestaltung zu fin­den. Einige Ideen wur­den bereits rea­li­siert, ande­re war­ten noch auf ihre Räume.

Für mich ist Tears of Things kein abge­schlos­se­nes Projekt. Es ist wei­ter­hin ein Prozess, der wächst und sich ver­än­dert – genau­so wie die Realität, aus der er ent­stan­den ist.

Interview: Pia Brand
Bilder: © Yelyzaveta Protopopova