1. Juni 2026

Interview: Sara Castelo Branco

Ausstellung: Dissident Bodies

Inwiefern steht die Ausstellung im Zusammenhang mit dem Jahresthema „ALIEN“?

Das „Alien“ wird nicht bloß als Science-Fiction-Figur oder außer­ir­di­sche Präsenz betrach­tet, son­dern als einen Zustand der Andersartigkeit, Instabilität und Transformation, der mit zeit­ge­nös­si­schen Formen der Verkörperung ver­bun­den ist. Es erscheint in der Ausstellung nicht als ein­zel­ne Gestalt, son­dern als ein viel­stim­mi­ges Geflecht unter­schied­li­cher künst­le­ri­scher Positionen. Aus ihren Überschneidungen ent­steht ein frag­men­tier­tes Bild von Körpern und Identitäten, die sich in Zuständen des Übergangs befin­den und bestehen­de Grenzen und Kategorien infra­ge stel­len. In die­sem Sinne mani­fes­tiert sich das Fremde in der gesam­ten Ausstellung durch Übergangs- und insta­bi­le Körper. André Romão, Hugo Canoilas und Lito Kattou kon­stru­ie­ren hybri­de post­hu­ma­ne Körperlichkeiten, in denen mensch­li­che, pflanz­li­che, tie­ri­sche und syn­the­ti­sche Elemente ver­schmel­zen. Esse McChesney, Laila Majid & Louis Blue Newby sowie Odete & Diana Policarpo nähern sich Queerness, spe­ku­la­ti­ver Identität und tech­no­lo­gi­scher Vermittlung als Formen dis­si­den­ter Verkörperung, die nor­ma­ti­ve Systeme von Sichtbarkeit und Zugehörigkeit in Frage stellen.

Gleichzeitig reflek­tie­ren Werke von Kiluanji Kia Henda oder Hugo de Almeida Pinho his­to­ri­sche und poli­ti­sche Prozesse, durch die bestimm­te Körper klas­si­fi­ziert, aus­ge­grenzt, objek­ti­viert oder zu „Anderen“ gemacht wur­den. Hier wird „ali­en“ zu einer sozi­al kon­stru­ier­ten Kategorie, die mit Rassifizierung, epis­te­mi­scher Gewalt, Entfremdung und Ausgrenzung ver­bun­den ist.

Statt „Alien“ als etwas Fremdes außer­halb des Menschen zu sehen, zeigt die Ausstellung, dass das Fremde bereits Teil unse­rer heu­ti­gen Lebensrealität ist. Es zeigt sich in öko­lo­gi­schen Krisen, tech­no­lo­gi­schem Wandel, zer­split­ter­ten Identitäten und neu­en, abwei­chen­den Formen des Denkens und der Selbstwahrnehmung

Wenn Dein gesam­tes kura­to­ri­sches Werk einen Titel tra­gen müss­te – wie wür­de er lauten?“

Das ist eine unge­wöhn­li­che Übung, doch ein mög­li­cher Titel für mein kura­to­ri­sches Gesamtwerk könn­te viel­leicht „Resonanzen der Relationalität“ lauten.

Ein Großteil mei­ner Arbeit basiert auf der Schaffung von Beziehungen zwi­schen schein­bar weit von­ein­an­der ent­fern­ten Bildern, Zeitlichkeiten, Geografien und Wissensformen. Mein Hauptinteresse gilt der Kuratierung von Gruppenausstellungen als Räume, in denen Werke nicht bloß neben­ein­an­der exis­tie­ren, son­dern mit­ein­an­der in Resonanz tre­ten – kon­zep­tu­ell, mate­ri­ell, sinn­lich und affektiv.

Diese Idee der Resonanz spie­gelt auch mein Interesse an hybri­den und trans­his­to­ri­schen Vorstellungswelten sowie an Formen kol­lek­ti­ver Erfahrung wider. Ob ich mich nun mit Themen wie Mystik, Licht, sozia­ler Resilienz, post­hu­ma­ner Verkörperung oder magi­schen Wahrnehmungsstrukturen beschäf­ti­ge – ich nei­ge dazu, das Kuratieren eher als die Konstruktion von Konstellationen denn als fes­te Erzählungen zu betrachten.

In die­sem Sinne ver­weist „Resonances of Relationality“ sowohl auf die rela­tio­na­le Dimension mei­ner Ausstellungen als auch auf den Versuch, Begegnungen zwi­schen ver­schie­de­nen Körpern, Bildern, Geschichten und Arten der Wahrnehmung der Welt zu schaffen.

Wie hät­te eine Ausstellung, die sich mit der­sel­ben Frage befasst, vor zehn Jahren aus­ge­se­hen, oder wie könn­te sie in zehn Jahren aussehen?

Um ehr­lich zu sein, glau­be ich nicht, dass sich die Kernfragen der Ausstellung in den letz­ten zehn Jahren so dra­ma­tisch ver­än­dert haben. Fragen rund um den Körper, Andersartigkeit, Hybridität, Queerness, Technologie oder Systeme der Ausgrenzung wur­den bereits von vie­len Künstler:innen und Denker:innen the­ma­ti­siert. Was sich viel­leicht ver­än­dert hat, ist die Intensität und Dringlichkeit, mit der die­se Fragen heu­te im Alltag erlebt werden.

Vor zehn Jahren hät­te eine Ausstellung wie „Dissident Bodies“ die­se Themen viel­leicht noch durch Rahmenkonzepte ange­gan­gen, die sich stär­ker auf Repräsentation, Identität oder Sichtbarkeit kon­zen­trier­ten. Heute jedoch leben wir in einer Zeit, in der tech­no­lo­gi­sche Infrastrukturen, öko­lo­gi­scher Kollaps, KI, digi­ta­le Vermittlung und poli­ti­sche Instabilität die Grenzen zwi­schen Mensch und Nicht-Mensch, orga­nisch und syn­the­tisch, phy­sisch und vir­tu­ell auf sehr kon­kre­te Weise zuneh­mend insta­bil gemacht haben.

Gleichzeitig glau­be ich, dass vie­le Künstler:innen die­se Veränderungen bereits lan­ge vor ihrem Durchbruch in den Mainstream vor­aus­ge­se­hen haben. In die­sem Sinne reagiert die­se Ausstellung nicht unbe­dingt auf etwas völ­lig Neues, son­dern setzt viel­mehr lau­fen­de Diskussionen über Verkörperung, Relationalität und Alterität fort und erwei­tert sie.

Ich kann mir auch vor­stel­len, dass die­se Fragen in zehn Jahren nach wie vor sehr rele­vant sein wer­den, wenn auch viel­leicht in noch radi­ka­le­rer Form. Der Körper wird dann viel­leicht eher als Teil grö­ße­rer öko­lo­gi­scher, tech­no­lo­gi­scher und affek­ti­ver Systeme ver­stan­den wer­den. Aber ich glau­be, dass die zen­tra­le Spannung, die in der Ausstellung the­ma­ti­siert wird, wahr­schein­lich bestehen blei­ben wird. Die Ausstellung wird sich viel­leicht nicht mehr in ers­ter Linie auf den Körper kon­zen­trie­ren, wie wir ihn der­zeit ver­ste­hen, son­dern auf ver­teil­te Formen des Bewusstseins, öko­lo­gi­sche Intelligenz, syn­the­ti­sches Leben oder hybri­de Systeme, die die Grenzen zwi­schen bio­lo­gi­schen, tech­no­lo­gi­schen und pla­ne­ta­ri­schen Prozessen verwischen.

Für wel­ches Werk soll­ten sich die Besucher am meis­ten Zeit nehmen?

Ich den­ke, alle Werke der Ausstellung erfor­dern ein gewis­ses Maß an Zeit und Aufmerksamkeit, da sich vie­le von ihnen durch sub­ti­le Beziehungen, Stimmungen und viel­schich­ti­ge Assoziationen ent­fal­ten. Die Ausstellung selbst ist um Prozesse der Transformation, Hybridität und Relationalität her­um auf­ge­baut, daher wür­de ich den Besuchern emp­feh­len, sich Zeit zu neh­men, sich lang­sam durch den Raum zu bewe­gen und Verbindungen zwi­schen den ver­schie­de­nen Werken ent­ste­hen zu lassen.

Allerdings erfor­dern die film- und klang­ba­sier­ten Werke natur­ge­mäß eine län­ge­re Auseinandersetzung, wie bei­spiels­wei­se die Arbeiten von Laila Majid & Louis Blue Newby, Odete & Diana Policarpo und Alice dos Reis.

Aber viel­leicht ist es Manuel Sékous Klangstück, das eine län­ge­re Auseinandersetzung ver­langt, da es von län­ge­rem Hören pro­fi­tiert, da die viel­schich­ti­gen Klangstrukturen eine Umgebung schaf­fen, die sich im Laufe der Zeit wahr­neh­mungs­mä­ßig verändert.

Wie haben die räum­li­chen Gegebenheiten des D21 die Erzählstruktur der Ausstellung beeinflusst?

Der Raum hat­te einen sehr direk­ten Einfluss auf die Erzählstruktur und die visu­el­le Gestaltung der Ausstellung. Das Ausstellungsdesign, das gemein­sam mit dem Künstler Hugo de Almeida Pinho ent­wor­fen wur­de, ent­stand in engem Dialog mit der Architektur des Raums selbst. So wur­den bei­spiels­wei­se die Wandfarben und die bemal­ten Bögen in Anlehnung an die vor­han­de­nen Farbtöne der Decke sowie an die Formen der Fenster und Türen im d21 kon­zi­piert. Anstatt dem Raum eine exter­ne Szenografie auf­zu­zwin­gen, woll­ten wir, dass die Ausstellung aus sei­nen archi­tek­to­ni­schen Merkmalen her­vor­geht und auf die­se reagiert.

Dies war beson­ders wich­tig, da sich die Ausstellung mit Ideen von Durchlässigkeit, Schwellen, Hybridität und Übergangszuständen befasst. Die Bögen und räum­li­chen Eingriffe tru­gen dazu bei, die­ses Gefühl der Bewegung zwi­schen ver­schie­de­nen Zuständen und Atmosphären zu ver­stär­ken und schu­fen sub­ti­le Kontinuitäten zwi­schen den Werken und der Architektur selbst.

Gleichzeitig ver­än­der­te sich die Installation erheb­lich, sobald wir phy­sisch im Raum prä­sent waren. Vor unse­rer Ankunft exis­tier­ten vie­le Entscheidungen nur auf der Ebene von Plänen und Projektionen, doch die tat­säch­li­che Erfahrung der Architektur – ihr Maßstab, ihr Licht, ihre Wegeführung und ihre Texturen – ver­än­der­te die Art und Weise, wie die Werke zuein­an­der in Beziehung stan­den, völ­lig. In die­sem Sinne wur­de die Ausstellung in hohem Maße gemein­sam von den Werken, der Architektur und der ver­kör­per­ten Erfahrung des Raums selbst geprägt.

Welche Erkenntnisse hast du gewon­nen, die du bei dei­ner nächs­ten Ausstellung umset­zen wirst, und was wür­dest du ändern?

Eine Erkenntnis, die sich mir mit jeder Ausstellung immer deut­li­cher erschließt, ist, wie wich­tig es ist, wäh­rend des gesam­ten Aufbauprozesses offen für Veränderungen zu blei­ben. Bei „Dissident Bodies“ änder­ten sich vie­le Aspekte, sobald wir uns mit den Werken phy­sisch im Raum befan­den, und die­se Erfahrung hat mir erneut vor Augen geführt, dass kura­to­ri­sches Denken nicht voll­stän­dig auf der kon­zep­tio­nel­len Ebene ver­har­ren darf. Die Beziehungen zwi­schen Werken, Architektur, Klang, Licht, Bewegungsfluss und Rhythmus ent­fal­ten sich erst dann voll­stän­dig, wenn die Ausstellung räum­lich und greif­bar wird. Gleichzeitig wur­de mir bewuss­ter, wie emp­find­lich das Gleichgewicht zwi­schen Offenheit und Kohärenz ist – wie man genü­gend kon­zep­tio­nel­len Raum für viel­fäl­ti­ge Interpretationen schafft und gleich­zei­tig eine star­ke räum­li­che Struktur bei­be­hält. Allgemeiner gesagt glau­be ich, dass mich jede Ausstellung lehrt, der Instabilität ein wenig mehr zu ver­trau­en – Ausstellungen porös, rela­tio­nal und offen für uner­war­te­te Verbindungen zu las­sen, die durch den Prozess selbst entstehen.

Interview: Pia Brand