Der Katalog „Anstiftung zur Vorspiegelung wahrer Tatsachen“ erscheint anlässlich der Ausstellung von Juliane Jaschnow im D21 und begleitet das Ausstellungsprojekt als eigenständige Publikation. Vor dem Hintergrund des Jahresthemas „Über Macht“ vertieft er die in der Ausstellung verhandelten Fragestellungen zu Bildern politischer Macht, zu Mechanismen von Propaganda sowie zur Rolle kollektiver Erinnerung. Über die zeitliche und räumliche Begrenzung der Ausstellung hinaus soll der Katalog dazu beitragen, die künstlerische Praxis Juliane Jaschnows zu dokumentieren und um eine kuratorische Perspektive zu erweitern.
In den Arbeiten wird eine vom Bild ausgehende, suchende Auseinandersetzung der Künstlerin deutlich. Die versammelte Gesamtinstallation von drei Werkkomplexen besteht aus Verweisen zu ikonischen Fotos der europäischen Geschichte, aus nachgebildeten Objekten aus diesen Fotos, zeigt Untersuchungen in verschiedenen Videoarbeiten und legt mithilfe ästhetischer ‚Weiter-Bildungen‘ Spuren.
Der Katalog folgt der chronologischen Entstehungsweise der Arbeiten und beginnt mit Ansichten des ersten Werkkomplexes „Rekapitulieren. Im Zentrum dieser Video-Arbeit steht ein vom russischen Verteidigungsministerium errichteter Nachbau des Berliner Reichstags im militärpatriotischen Freizeitpark Park Patriot bei Moskau. Hunderte Statist:innen rekonstruierten dort im Frühjahr 2017 die ikonische Schlüsselszene des russischen Kriegsgedenkens – die Erstürmung des Reichstags im Mai 1945 und das Hissen der sowjetischen Flagge auf dem Gebäude. Dieses Reenactment bildet den Ausgangspunkt von Juliane Jaschnows Auseinandersetzung mit der deutsch-russischen Erinnerungskultur. Im Fokus der Arbeit, die neben einer Videoinstallation Objekte und Printelemente umfasst, stehen kollektive Geschichts- und Erinnerungsbilder, ihre identitätsstiftende Rolle sowie die Bedeutung patriotischer Erziehung im heutigen Russland.
Der zweite Werkkomplex, die mehrteilige Arbeit «mit freundlichem Beifall» (2023/24) befasst sich mit Kontinuitäten propagandistischer Inszenierungen Russlands, untersucht Formen und Hintergründe der Machtrepräsentation sowie Mechanismen von Desinformation und Täuschung. Zentrales Objekt dieses Werkkomplexes ist eine Nachbildung der neugestalteten Vorhänge im Repräsentationssaal des Kremls, in dem u.a. ausländische Staatsgäste für das Fernsehen empfangen werden.
Titelgebend für diesen Werkkomplex ist ein Zeitungsbericht von 1993 im Neuen Deutschland, in welchem berichtet wird, dass Putin als stellvertretender Bürgermeister von St. Petersburg in einer Rede vor deutschen Gästen eine „Militärdiktatur nach chilenischem Vorbild“ für Russland befürwortete und die anwesenden deutschen Politiker:innen und Unternehmer:innen diese Worte mit „freundlichem Beifall“ goutierten. Der Artikel wird im Original gerahmt gezeigt.
In ihrer neuen Arbeit „Anstiftung zur Vorspiegelung wahrer Tatsachen“ (2025) setzt sich Juliane Jaschnow mit der fortschreitenden Sakralisierung der russischen Staatsmacht auseinander. So untersucht sie in verschiedenen Videos, die mit Verweis auf einen politischen Kontext auf Telepromptern präsentiert werden, die Rolle des orthodoxen Glaubens sowie des Schamanismus bei der ideologischen Legitimierung der „militärischen Spezialoperation“ in der Ukraine – und deren Einbettung in ein religiös-nationalistisches Narrativ von Aufopferung und Heldentum für Russland. Ihr Blick richtet sich auch auf übersinnliche Praktiken, die als individuelle Bewältigungsstrategien in Zeiten kollektiver Verunsicherung und kriegerischer Realität eingesetzt werden.
Ungeachtet dessen, welche Funktion die Bilder haben, mit denen sich die Künstlerin auseinandersetzt oder die sie selbst schafft, ihre Methode verbleibt im Bild – egal, ob es dekodiert oder neu erschaffen wird. Die künstlerische Praxis Juliane Jaschnows entwickelt ein immens vielschichtiges, auf vielen Ebenen zu lesendes Werk, dass Betrachtende zum Detektiv ihrer eigenen Kultur, die anderer Kulturen, kultureller Gedächtnisse, Machtstrukturen und dergleichen mehr werden lässt. Bei aller Faszination an diesem, sich in den drei Werkkomplexen öffnenden, verzweigten Geflecht an Themen und Assoziationen, Gedanken und Methoden ist ihre Arbeitsweise so komplex wie einfach: Die künstlerische Praxis Juliane Jaschnows ist eine Tiefenanalyse des Mediums Bild in der Vergangenheit und im Heute.
Der Katalog erscheint in deutscher und englischer Sprache und ist im D21 Kunstraum zu erhalten oder über office@d21-leipzig.de bestellbar.


