„Anstiftung zur Vorspiegelung wahrer Tatsachen“

Edition

Mit Texten von  Juliane Jaschnow, Constanze Müller

Herausgegeben durch  D21 Kunstraum

92 Seiten, 20,5 × 27cm

Broschur

2025

ISBN 978–3‑9822281–5‑0

12–15€ auf Spendenbasis

Fotografie  Juliane Jaschnow, Jan Kolsky

Gestaltung  Lydia Sachse

Der Katalog „Anstiftung zur Vorspiegelung wah­rer Tatsachen“ erscheint anläss­lich der Ausstellung von Juliane Jaschnow im D21 und beglei­tet das Ausstellungsprojekt als eigen­stän­di­ge Publikation. Vor dem Hintergrund des Jahresthemas „Über Macht“ ver­tieft er die in der Ausstellung ver­han­del­ten Fragestellungen zu Bildern poli­ti­scher Macht, zu Mechanismen von Propaganda sowie zur Rolle kol­lek­ti­ver Erinnerung. Über die zeit­li­che und räum­li­che Begrenzung der Ausstellung hin­aus soll der Katalog dazu bei­tra­gen, die künst­le­ri­sche Praxis Juliane Jaschnows zu doku­men­tie­ren und um eine kura­to­ri­sche Perspektive zu erweitern.

In den Arbeiten wird eine vom Bild aus­ge­hen­de, suchen­de Auseinandersetzung der Künstlerin deut­lich. Die ver­sam­mel­te Gesamtinstallation von drei Werkkomplexen besteht aus Verweisen zu iko­ni­schen Fotos der euro­päi­schen Geschichte, aus nach­ge­bil­de­ten Objekten aus die­sen Fotos, zeigt Untersuchungen in ver­schie­de­nen Videoarbeiten und legt mit­hil­fe ästhe­ti­scher ‚Weiter-Bildungen‘ Spuren.

Der Katalog folgt der chro­no­lo­gi­schen Entstehungsweise der Arbeiten und beginnt mit Ansichten des ers­ten Werkkomplexes „Rekapitulieren. Im Zentrum die­ser Video-Arbeit steht ein vom rus­si­schen Verteidigungsministerium errich­te­ter Nachbau des Berliner Reichstags im militärpatriotischen Freizeitpark Park Patriot bei Moskau. Hunderte Statist:innen rekon­stru­ier­ten dort im Frühjahr 2017 die iko­ni­sche Schlüsselszene des rus­si­schen Kriegsgedenkens – die Erstürmung des Reichstags im Mai 1945 und das Hissen der sowje­ti­schen Flagge auf dem Gebäude. Dieses Reenactment bil­det den Ausgangspunkt von Juliane Jaschnows Auseinandersetzung mit der deutsch-rus­si­schen Erinnerungskultur. Im Fokus der Arbeit, die neben einer Videoinstallation Objekte und Printelemente umfasst, ste­hen kol­lek­ti­ve Geschichts- und Erinnerungsbilder, ihre iden­ti­täts­stif­ten­de Rolle sowie die Bedeutung patrio­ti­scher Erziehung im heu­ti­gen Russland.

Der zwei­te Werkkomplex, die mehr­tei­li­ge Arbeit «mit freund­li­chem Beifall» (2023/24) befasst sich mit Kontinuitäten pro­pa­gan­dis­ti­scher Inszenierungen Russlands, unter­sucht Formen und Hintergründe der Machtrepräsentation sowie Mechanismen von Desinformation und Täuschung. Zentrales Objekt die­ses Werkkomplexes ist eine Nachbildung der neu­ge­stal­te­ten Vorhänge im Repräsentationssaal des Kremls, in dem u.a. aus­län­di­sche Staatsgäste für das Fernsehen emp­fan­gen werden.

Titelgebend für die­sen Werkkomplex ist ein Zeitungsbericht von 1993 im Neuen Deutschland, in wel­chem berich­tet wird, dass Putin als stell­ver­tre­ten­der Bürgermeister von St. Petersburg in einer Rede vor deut­schen Gästen eine „Militärdiktatur nach chi­le­ni­schem Vorbild“ für Russland befür­wor­te­te und die anwe­sen­den deut­schen Politiker:innen und Unternehmer:innen die­se Worte mit „freund­li­chem Beifall“ gou­tier­ten. Der Artikel wird im Original gerahmt gezeigt.

In ihrer neu­en Arbeit „Anstiftung zur Vorspiegelung wah­rer Tatsachen“ (2025) setzt sich Juliane Jaschnow mit der fort­schrei­ten­den Sakralisierung der rus­si­schen Staatsmacht aus­ein­an­der. So unter­sucht sie in ver­schie­de­nen Videos, die mit Verweis auf einen poli­ti­schen Kontext auf Telepromptern prä­sen­tiert wer­den, die Rolle des ortho­do­xen Glaubens sowie des Schamanismus bei der ideo­lo­gi­schen Legitimierung der „mili­tä­ri­schen Spezialoperation“ in der Ukraine – und deren Einbettung in ein reli­gi­ös-natio­na­lis­ti­sches Narrativ von Aufopferung und Heldentum für Russland. Ihr Blick rich­tet sich auch auf über­sinn­li­che Praktiken, die als indi­vi­du­el­le Bewältigungsstrategien in Zeiten kol­lek­ti­ver Verunsicherung und krie­ge­ri­scher Realität ein­ge­setzt werden.

Ungeachtet des­sen, wel­che Funktion die Bilder haben, mit denen sich die Künstlerin aus­ein­an­der­setzt oder die sie selbst schafft, ihre Methode ver­bleibt im Bild – egal, ob es deko­diert oder neu erschaf­fen wird. Die künst­le­ri­sche Praxis Juliane Jaschnows ent­wi­ckelt ein immens viel­schich­ti­ges, auf vie­len Ebenen zu lesen­des Werk, dass Betrachtende zum Detektiv ihrer eige­nen Kultur, die ande­rer Kulturen, kul­tu­rel­ler Gedächtnisse, Machtstrukturen und der­glei­chen mehr wer­den lässt. Bei aller Faszination an die­sem, sich in den drei Werkkomplexen öff­nen­den, ver­zweig­ten Geflecht an Themen und Assoziationen, Gedanken und Methoden ist ihre Arbeitsweise so kom­plex wie ein­fach: Die künst­le­ri­sche Praxis Juliane Jaschnows ist eine Tiefenanalyse des Mediums Bild in der Vergangenheit und im Heute.

 

Der Katalog erscheint in deut­scher und eng­li­scher Sprache und ist im D21 Kunstraum zu erhal­ten oder über office@d21-leipzig.de bestellbar.

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