private viewing – South African Video Art
Bridget Baker
Peter Jones
Aryan Kaganof & Nicola Deane
Kemang Wa Lehulere
Steve Kwena Mokwena
George Mahashe
Kyle Southgate
Johan Thom Robert Weinek
+ Claudia Shneider
Abb.: Steve Kwena Mokwena, The memory of the bridge, (Still) 2010
12. bis 25. Juni 2010
Eröffnung: 11. Juni 2010, 19 Uhr
Öffnungszeiten: Donnerstag bis Sonntag, 13 bis 19 Uhr
Eine Ausstellung in Kooperation mit JOBURG FRINGE, ZA.
Am 11. Juni ist es soweit: In Johannesburg eröffnet die erste Fußballweltmeisterschaft auf dem afrikanischen Kontinent. Jenseits eingeübter Vorurteile werfen wir mit einer Ausstellung südafrikanischer Videokunst einen Blick auf das Austragungsland Südafrika und seine Videokunstszene – „private viewing – South African Video Art“ eröffnet pünktlich zum ersten Spieltag.
Zwei Kurzspielfilme beleuchten das Klischee vom „gefährlichsten Land der Welt“ aus unterschiedlichen Perspektiven: „Agter die Berge“ (Kyle Southgate) ist ein moderner Western über die Bandenkriminalität in den Townships. Demgegenüber zeigt „Not My Family“ (Peter Jones), wie sich die Idylle einer weißen Mittelstandsfamilie als Hort sexueller Gewalt entpuppt.
Um die Erinnerung an Gewalt geht es in „The Memory of the Bridge“ (Steve Kwena Mokwena), in dem ein ehemaliger Soldat des Bürgerkrieges in Sierra Leone von den grausamen Morden und Gräueltaten an Zivilisten berichtet. Auch die Videoarbeiten „Gae Lewoba“ (George Mahashe) und „Ukuguqula Ibaty (The Pencil Test)“ (Kemang Wa Lehulere) drehen sich um das Erinnern: Während Mahashe von einer Reise in das Homeland erzählt, treibt Lehuleres Video den „Pencil Test“, eine absurde Methode zur Bestimmung vermeintlicher Rassenzugehörigkeit, auf die Spitze.
Rätselhafter geht es in den Videoarbeiten „The Fridge“ (Robert Weinek) und „Steglitz House“ (Bridget Baker) zu: In „The Fridge“ beobachtet der Zuschauer eine Frau bei seltsamen Vorgängen in ihrer Küche. „Steglitz House“ dagegen erlaubt detailreiche, cineastische Blicke in eine geheimnisvolle Villa. Auf zugleich witzige und gruselige Weise zeigt „Terms of Endearment“ (Johan Thom) die innere Reinigung von „schmutzigen Gedanken“ mit Hilfe einer Kilopackung OMO-Waschpulver.
Im April dieses Jahres wurden einige der Videoarbeiten im Rahmen der unabhängigen Kunstmesse Joburg Fringe in Johannesburg präsentiert. Sie zeigen eine ungewohnte Sicht auf die größte und wildeste Stadt Südafrikas. So begleitet etwa in „Black-Dog-Fire“ (Steve Kwena Mokwena) ein schwarzer Hund den Kameramann auf seinem Spaziergang durch brennende Wiesen auf einem Hügel der Stadt. Und in „Casbah and Back“ (Aryan Kaganof & Nicola Deane) begegnet der Betrachter Migranten auf der Autofahrt zu einem Johannesburger Schnellimbiss.
Begleitend zum Videoprogramm zeigen wir Zeichnungen und Fotografien der südafrikanischen Künstlerin und Kuratorin Claudia Shneider.
______________________________________________
12th till 25th June 2010
Opening: 11th June 2010, 7 pm
Opening Hours: Thursday till Sunday, 1 till 7 pm
An Exhibition in cooperation with the JOBURG FRINGE, ZA.
On the 11th of July 2010 the time will have arrived: Johannesburg plays host to the first World Cup in the continent of Africa. Looking beyond stereotypes, our exhibition of South African video art will shed an alternative light on South Africa, the land of violent conflict, and its video art scene. ‘Private Viewing –South African Video Art’ opens promptly on the first World Cup day.
Two of the short films on display explore and illuminate the clichés of South Africa as ‘the most dangerous land in the world’ from different perspectives: “Agter die Berge” (Kyle Southgate) is a modern Western about gang crime in the Townships, while “Not My Family” (Peter Jones) shows how the ideals of a white middleclass family can emerge as a bastion of sexual violence.
“The memory of the Bridge” (Steve Kwena Mokwena) addresses memories of violence, whereby an ex-soldier who fought in the civil war in Sierra Leone gives a report of the gruesome murders and atrocities committed against civilians. The notion of memory is also central to the video works “Gae Lewoba” (George Mahashe) and “Ukuguqula Ibaty (The Pencil Test)” (Kemang Wa Lehulere). While Mahashe describes a journey to his homeland, Lehulere’s video “The Pencil Test” shows an extreme and absurd method of determining racial identity.
“The Fridge” (Robert Weinek) and “Steglitz House” (Bridget Baker) deal with the cryptic and enigmatic. In “The Fridge”, the viewer merely observes a woman next to a single curtain in her kitchen. “Steglitz House” on the other hand allows for a detailed, cinematic view into a secret-filled Villa. Simultaneously funny and creepy is Johan Thom’s film “Terms of Endearment” which illustrates the inner cleansing of “filthy thoughts” with help from a kilo pack of OMO-washing powder.
All of the exhibited films demonstrate an atypical view of the biggest and wildest city in South Africa. In “Black-Dog-Fire” (Steve Kwena Mokwena) for example, a black dog accompanies the cameraman on his walk through burning fields on a hill in the city and in “Cashbah and Back” (Aryan Kaganof & Nicola Deane) the viewer encounters migrants on a car journey to a snackbar in Johannesburg.
Accompanying the video program are the drawings and photographs by the South African artist and curator Claudia Schneider.
________________________________________
1
Kemang Wa Lehulere (geb. 1984)
Ukuguqula Ibatyi (The Pencil Test), 2008, DVD, 1:01
Das Video zeigt den Künstler Kemang Wa Lehulere, der sich mit nacktem Oberkörper vor einer Wand stehend einen Bleistift nach dem anderen in sein krauses Haar steckt. Lehuleres bezieht sich in dieser Arbeit auf eine Methode, die zur Bestimmung der vermeintlichen Rassenzugehörigkeit im Südafrika der Apartheit diente: Ob der in das Haar gesteckte Bleistift wieder heraus fiel oder im lockigen Haar festhielt, entschied darüber, ob man als weiß, farbig oder schwarz klassifiziert wurde. Dieser Test wurde in Ermangelung exakter Identifikationsmerkmale als ein Kriterium für die Bestimmung der „Rasse“ gesetzlich festgeschrieben. Stark gekräuseltes Haar galt noch vor der Hautfarbe als wichtigstes Erkennungszeichen der „Schwarzen Rasse“.
Das Moment der Übertreibung in Lehuleres Film verweist auf die Absurdität dieser Methode und die leidvollen Folgen für die „Schwarzen“: Sie wurden nicht nur in allen Lebens- und Arbeitsbereichen benachteiligt, sondern verloren de facto die südafrikanische Staatsbürgerschaft sowie ihr dauerhaftes Wohnrecht und wurden in zumeist abgelegene Wohngebiete zwangsumgesiedelt. Die Vielzahl der Bleistifte in Lehuleres Haar erinnert an die Dornenkrone Jesu, die der Geste eine ikonografische Dimension verleiht.
2
Bridget Baker (geb. 1971)
Steglitz House, 2009–2010, Digitale Kopie auf DVD von 16-mm-Film (s/w), 9:00
In „Steglitz House“ schwebt eine Kamera durch das Portal in eine geheimnisvolle Villa, während Musik des Komponisten Braam du Toit eine ruhige, aber äußerst gespannte Stimmung erzeugt. Durch die Linse der Kamera streift der Blick langsam von Zimmer zu Zimmer, ohne auf die Bewohner des Hauses zu stoßen. Dennoch sind sie in den Einrichtungsgegenständen präsent: Im gedeckten Frühstückstisch und in den persönlichen Dingen. Dabei schillert die Atmosphäre des Films zwischen der Behaglichkeit des schützenden Heims und einer diffusen Bedrohungssituation.
Die Filmemacherin, Objekt- und Performancekünstlerin Bridget Baker lebte 2009 in Berlin, wo sie im Stadtteil Steglitz das Miniaturmuseum Arikalex entdeckte. Die Villa ist eine der dort gezeigten Miniaturen und die akribische Rekonstruktion eines Westberliner Vorstadt-Hauses der 1930er Jahre. Baker integrierte persönliche Objekte in die Miniatur: Ihren südafrikanischen Pass und Fotografien ihres Vaters, den sie bereits im Alter von 5 Jahren verlor. Der Verlust des Vaters sei laut Bridget Baker eine Entwurzelungserfahrung, die durch das Unrecht im Südafrika der 1970er und 1980er erschwert wurde. In ihrer Kunst versucht Baker persönliche und historische Spuren wiederzufinden und bekannte Erzählungen zu verändern, wobei Scheitern, Vergessen, Entwurzelung und Flucht ihr als Pfade gelten, um diese Spuren zu entdecken. So erscheint in „Steglitz House“ einen kurzen Augenblick lang eine Aufnahme aus dem Jahr 1958, die das Haus ihrer Kindheit in East London (Südafrika) zeigt. Stilistisch lehnt sich der Film an cineastische Ikonen wie „Nummer Siebzehn“ (1932) von Alfred Hitchcock (1899-1980) und „Stalker“ (1979) von Andrei Tarkowski (1932 -1986) an.
3
Steve Kwena Mokwena
Black-Dog-Fire, 2009, DVD, 3:40
In „Black-Dog-Fire“ begleitet die Kamera des Avantgarde-Filmemachers, Historikers, Malers und Kurators Mokwena den Hund Wena bei seinem Streifzug über die Hügel rings um Johannesburg. Der Name Wena bedeutet „Du“ in der Sprache IsiZulu. Der Weg Wenas über die Hügellandschaft streift viele kleine Rasenbrände, die sich jeden südafrikanischen Winter im strohtrockenen Gras selbst entzünden oder von Brandstiftern gelegt werden. „Häufig frage ich mich, was Wena wohl über diese verrückte Stadt denkt“, kommentiert Mokwena sein Video selbst.
Während dieses Spaziergangs an einem Nachmittag ist der afro-amerikanische Spiritual-Song „Motherless Child“ (deutsch: Mutterloses Kind) zu hören. Das Lied stammt aus der Zeit der Sklaverei in den Vereinigten Staaten von Amerika, als es üblich war, Kinder von ihren versklavten Eltern zu trennen und weiter zu verkaufen. Das Lied vermittelt Trauer, Einsamkeit, Heimweh und Hoffnung eines Heimatlosen, der mutterseelenallein in der Welt, aber nicht gottverlassen ist. Der Ausdruck „mutterloses Kind“ steht als Metapher für Menschen, die sich nach Hause sehnen – zuhause: Das ist die Familie, Afrika, der Himmel. Das Gedicht „Telegraph to The Sky“ (deutsch: Telegramm für den Himmel) des südafrikanischen Schriftstellers Sandile Dikeni (geb. 1960) inspirierte den Künstler zu diesem Film.
4
Steve Kwena Mokwena
The Memory of The Bridge, 2010, DVD, 4:17
„The Memory of The Bridge“ ist eine Episode aus Mokwenas neustem Film „Driving with Fanon“ (2010). In dem Genremix zwischen Dokumentarfilm, Musik- und Kunstvideo begibt sich Mokwena gemeinsam mit dem Journalisten und Schriftsteller Lansana Fofana auf die filmische Reise durch Freetown, der Hauptstadt Sierra Leones, und reflektiert am Beispiel der Gräueltaten des sierra-leonischen Bürgerkrieges über Gewalt. An der Seite Mokwenas und Fofanas reist immer auch der Geist von Frantz Fanon (1925–1961): Der Psychiater und radikale Vordenker der Entkolonialisierung entwarf in seiner berühmtesten Schrift „Die Verdammten dieser Erde“ (1961) die Vision einer gewaltsamen, sozialistischen Revolution in Afrika zur Befreiung der kolonialisierten Völker von Unterdrückung und Rassismus. Der Idee einer anti-kolonialen Revolution steht in „The Memory of The Bridge“ die grausame Realität des Bürgerkrieges in Sierra Leone (1991–2001) gegenüber, in dem die Rebellenorganisation „Revolutionary United Front“ (RUF) gegen die Armeen der Regierung mit dem Ziel kämpfte, die Kontrolle über die zahlreichen Diamantenminen zu erlangen. Der Kriegsveteran Victor Cole beschreibt eine Reihe von Kriegsverbrechen, die auf einer Brücke verübt wurden. Bei der Aufzählung der grausigen Fakten kann er trotz Mühe seine Gefühle nicht vollständig unterdrücken. Diese Unterbrechungen werden zu Platzhaltern für Grausamkeiten, vor denen selbst die Sprache zurück weicht.
5
George Mahashe (geb. 1982)
Gae Lebowa, 2010, DVD, 9:01
In „Gae Lebowa“ erzählt der südafrikanische Fotograf George Mahashe über eine Reise in sein Homeland, auf der basierend die gleichnamige Fotoserie entstand. Gae stammt aus der Sprache der Pedi und bedeutet „zu Hause“ oder auch „Heimat“. Lebowa bedeutet „Norden“, es ist aber auch die Bezeichnung eines Homelands im Nordosten Südafrikas. Die sogenannten Homelands wurden als ein Instrument der territorialen und sozialen Segregation vom Apartheit-Regime eingerichtet und mit einer scheinbaren Unabhängigkeit ausgestattet. In „Gae Lebowa“ begibt sich Mahashe auf die Spuren seiner Vergangenheit in den Norden Südafrikas. Er fotografierte alte Männer und Frauen, die für ihn die Weisheit seiner Vorfahren verkörpern.
Der Film endet mit einem Lobgesang, der die physische und geistige Herkunft Mahashes in der Tradition afrikanischer Geschichtenerzähler erklärt. Mahashe schreibt über diese Tradition: „Der Geschichtenerzähler bewahrt nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die Zukunft. In meinem Verständnis von mündlicher Überlieferung tritt sie nie aus dem stetigen Fluss der Zeit heraus. Die Erzählung versucht vergangene Lösungen für immer wiederkehrende Fragestellungen darzustellen. So steuert der Erzähler die Geschichte und legt den Kurs für die Zukunft fest.“
6
Aryan Kaganof (geb. 2001) & Nicola Deane (geb. 1979)
Casbah and Back, 2002, DVD, 7:33
Nach dem Erscheinen seines ersten Romans „Hectic“ 2001 zelebrierte der in Johannesburg geborene Autor, Filmemacher und Performancekünstler Ian Kerkhof den Tod seiner alten Identität und seine filmische Wiedergeburt unter dem Namen Aryan Kaganof. Dieses Identitätskonstrukt ist ein Projekt der ebenfalls vom Künstler initiierten „African Noise Foundation“ (ANF). Im Rahmen der ANF verfasst Kaganof in wechselnden Kooperationen mit anderen Künstlern Gedichte, produziert Filme und veröffentlichte 2005 ein Dub-Musikalbum. Die ANF befasse sich, so Kaganof, mit der „Deformation und Verleumdung von Identität“.
Das Video „Casbah and Back“ entstand 2002 in Zusammenarbeit mit der südafrikanischen Objekt- und Performancekünstlerin Nicola Deane. Der Film zeigt die Autofahrt zu einem Johannesburger Drive-in-Restaurant namens Casbah. „Kasbah“ bedeutet Zitadelle, die arabische Bezeichnung für den festungsartig umbauten historischen Kern vieler nordafrikanischer Städte. Auf Grund der vielen mächtigen, mit Stacheldraht bewährten Mauern könnte man Johannesburg als die Stadt der Zitadellen bezeichnen. Die Angst vor Gewalt ist auch heutzutage in den südafrikanischen Städten allgegenwärtig, sie ist das Bindeglied der Einwohner unterschiedlicher Herkunft und sozialer Zugehörigkeit. Südafrika ist nach wie vor tief gespalten, obwohl es die Politik der Rassentrennung seit 16 Jahren nicht mehr gibt. Neue Mauern entstehen in den Köpfen der Menschen. So erinnern Porträts afrikanischer Migranten in „Casbah and Back“ an die wachsende Fremdenfeindlichkeit in Südafrika, die 2008 in grausamen Ausschreitungen gegen Migranten in den Johannesburger Townships gipfelte. Die einzige Szene, die nicht in Johannesburg, sondern in Pretoria aufgenommen wurde, zeigt Polizisten, die den Zugang zu einem Monument Johannes Gerhardus Strijdoms (1893–1958) abriegeln. Dieses Monument für einen der geistigen Architekten der Apartheid wurde 2001 unter mysteriösen und nie aufgeklärten Umständen völlig zerstört.
7
Robert Weinek (geb. 1964)
The Fridge. A story about beeing trapped, Digitale Kopie auf DVD von 16-mm-Film (s/w), 9:35
Die Arbeit des südafrikanischen Filmemachers und Kurators Peter Weinek erinnert an einen Kurzfilm von Peter Mullan mit dem Titel „Fridge“ (1995). Darin versucht ein obdachloses Paar einen in einem alten Kühlschrank gefangenen Jungen zu befreien. In Weineks Film dagegen bleibt unklar, wer hier in der Falle sitzt. Ist es die Frau im Abendkleid, die der Zuschauer bei rätselhaften Vorgängen in einer Küche beobachtet? Sie brät ein Ei und tanzt allein. Doch nicht sie steht im Zentrum des Geschehens, sondern ein Kühlschrank. Nach und nach betreten unterschiedliche Herren die Küchekulisse. So betritt ein Mann in Abendgarderobe den Raum, doch wider Erwarten holt er nicht die Frau, sondern den Kühlschrank ab. Welches Geheimnis verbirgt der Kühlschrank? Ein anderer Mann fällt beim Blick in das Innere sofort in Ohnmacht. Als die Männer das Gerät zum zweiten Mal aus der Küche tragen, packt die Frau hastig ihren bereit stehenden Koffer und verlässt den trostlos und leer wirkenden Ort.
8
Johan Thom (geb. 1976)
Terms of Endearment, 2007, DVD, 4:49
„Terms of Endearment“ (deutsch: Zeit der Zärtlichkeit) des Video-, Performance-, Objektkünstlers Johan Thom besteht aus einem fiktiven Brief an die Hersteller von OMO-Multi-Active-Waschpulver und einem Video. Darin muss der Betrachter auf beinahe körperlich schmerzhafte Weise mit ansehen wie sich eine maskierte Gestalt eine Packung des Waschpulvers in den Rachen und über den Oberkörper schüttet. Der Brief erklärt den gruseligen Vorgang: Der Verfasser habe die Reinigung von seinen „schmutzigen Gedanken“ durch das Produkt erlebt und wolle sich nun für die wiedergefundene Fähigkeit bedanken, ein angepasster Bürger zu sein. Die Sprache des Briefes bewegt sich auf dem Grad zwischen witziger Übertreibung und ernsthafter Kritik. Sie richtet sich gegen die Forderung, das Individuum solle das reibungslose Funktionieren der Gesellschaft ermöglichen, ohne diese jedoch selbst aktiv mitgestalten zu können.
9
Kyle Southgate (geb. 1987)
Agter die Berge (Behind The Mountains), DVD, 2009, 25:00
„Agter die Berge“ erzählt die klassische Geschichte eines jungen Gangmitgliedes, das in einen inneren Konflikt zwischen der Loyalität zu seiner Gang und den eigenen Gefühlen sowie Auffassungen vom richtigen Handeln gerät. Die Geschichte entfaltet sich vor der Realität einer marginalisierten, verarmten Gegend in Kapstadt südlich des Zentrums, den Cape Flats, bekannt als die „Müllkippe der Apartheit“: Daniel Moses erhält den Auftrag für seinen ersten Mord von einer in den Cape Flats agierenden Gang. Obwohl Daniel von seinem Cousin und Mentor Louis begleitet wird, versagt er in dessen Augen. Louis schickt ihn daraufhin aus der Stadt, „hinter die Berge“, um sich zu verstecken. Dort trifft Daniel die dem Christentum verpflichtete Familie Solomon, die ihm Unterschlupf gewährt. Doch sie verbirgt ein Geheimnis, das Daniel vor eine mörderische Wahl stellt.
Der Film wurde innerhalb von 10 Tagen gedreht und brachte die Crew eng zusammen. Er war Teil Kyle Southgates Abschlussprojektes an der AFDA, einer privaten Filmschule in Kapstadt.
10
Peter Jones (geb. 1988)
Not my family, DVD, 2009, 12:00
Peter Jones arbeitet als unabhängiger Filmemacher und Regisseur von Musikvideos. Thema seines Filmes „Not my family“ ist die Verheimlichung von innerfamiliärer, sexueller Gewalt: Als André, Sohn einer weißen Mittelstandsfamilie, entdeckt, dass der Vater seine Schwester sexuell mißbraucht, spricht er die Mutter auf den Missbrauch an. Diese weiß offenbar davon, streitet aber alles ab. Auch der Versuch Andrés, Anzeige zu erstatten, scheitert an der Loyalität des Polizisten mit der Familie. Die Situation eskaliert, als André auch den Vater zur Rede stellt. Dieser droht ihm damit, sein Leben zur Hölle zu machen. Kurz darauf fliehen André und seine Schwester im Auto der Eltern.
Peter Jones gelingt es eindrücklich, die kalte Atmosphäre des Schweigens und der Entfremdung zu schildern, die sich hinter der harmonischen Fassade einer bürgerlichen Familie und scheinbar behüteten Kindheit verbirgt.
11
Claudia Shneider (geb. 1961)
showmasters, Joburg, Fotografie, 2009
World Cup (good buy), Aquarell auf Leinwand, 2006
Ball for all, Aquarell auf Papier, 2002
All balls, Joburg, Aquarell auf Papier, 2010
We are the World – showmasters III, Aquarell auf Papier, 2008
Becoming a flag, Berlin, Aquarell auf Papier, 2009
Fridge, Joburg,Aquarell auf Papier, 2010
showmasters, good buy, Joburg, Aquarell auf Papier, 2010
Die Malerin, Objektkünstlerin und Kuratorin Claudia Shneider zeigt Arbeiten auf Papier und Leinwand. Darin setzt Shneider mit scheinbar spontanen Pinselstrichen merkwürdige Motive auf das Blatt, meist nur in Umrissen angedeutet und oft kontrastiert mit aquarell-artig gemalten Farbflächen. Dadurch erhalten ihre Zeichnungen den Eindruck von Fragilität und Leichtigkeit.
Der Sinn dieser Bilder entfaltet sich zwischen ihrem Titel und dem Motiv. So schreibt Andreas Strobel 2004: „Shneiders Zeichnungen geben anhand ihrer Titel vor, im traditionellen Sinne etwas darzustellen. Das führt zu Überraschungen. Denn sie malt zwar zum einen benennbare Dinge zum anderen aber auch solche, denen erst sie den Namen gibt.“ So referiert etwa „World Cup (good buy)“ von 2006 einerseits auf die 18. Fußballweltmeisterschaft, bei der die südafrikanische Nationalmannschaft bereits in den Qualifikationsspielen ausschied. Zum anderen verweist das Motiv der Blechtasse auf eine Kindheitserinnerung, die die Künstlerin vielleicht mit vielen weißen Südafrikanern teilt. Die Künstlerin sagt: „Jede schwarze Nanny hatte eine solche Tasse, die die Spuren ihres Gebrauchs deutlich zeigt.“ So birgt die Welttasse eine ganze Welt von Erinnerungen.
D21 Kunstraum Leipzig